NACHKLANG: Big Smoke in Winterthur - Genuss als Gegenwelt zur Optimierung.
Über die Freiheit, unvernünftig sein zu dürfen. Und über die wunderbare gesellschaftliche Bedeutung eines Sonntags, an dem zweihundert Menschen einfach das Leben geniessen.
Es gibt diese selten gewordenen Augenblicke, in denen Menschen zusammenkommen, ohne etwas verbessern, erreichen, optimieren oder gar rechtfertigen zu müssen. Sie essen, trinken, rauchen, reden, lachen, hören einander zu oder schweigen gemeinsam. Niemand zählt Schritte, niemand misst den Puls, niemand fragt nach dem ökologischen Fussabdruck des Mittagessens. Und niemand erwartet, dass aus der Begegnung ein messbarer Mehrwert entsteht.
Am vergangenen Sonntag war im Casinotheater Winterthur ein solcher Ort zu finden. Am Big Smoke trafen sich rund zweihundert Menschen, um gemeinsam Cigarren zu geniessen, gut zu essen, etwas zu trinken und vor allem miteinander Zeit zu verbringen.
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Text: Romeo Brodmann | Bild: zVg
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Bild: rb | Die Organisatoren Samuel Hauser (l., Geschäftsführer Casinotheater Winterthur) und Tobias Hüberli (r., Chefredaktor Cigar) mit Paloma Szathmáry (Mitinhaberin Paloma Romeo & Friends GmbH, Brodmann Cigars).
Man könnte das für einen gesellschaftlich bedeutungslosen Zeitvertreib halten. Vielleicht ist es aber gerade das Gegenteil.
Wir leben in einer Zeit, in der beinahe jede menschliche Tätigkeit unter dem Vorbehalt ihrer Nützlichkeit steht. Ernährung soll gesund, Bewegung effizient, Schlaf erholsam, Arbeit produktiv und Freizeit möglichst sinnvoll sein. Selbst die Erholung dient längst nicht mehr nur der Erholung, sondern der Wiederherstellung unserer Leistungsfähigkeit. Wir sollen uns optimieren, damit wir anschliessend noch besser funktionieren.
Was dabei allmählich verloren geht, ist die schlichte Freude an Dingen, die nichts anderes bezwecken, als Freude zu bereiten.

Bild: rb | Die Gemeinschaft der freiwillig unvernünftigen: Big Smoke in Winterthur.
Genuss ist eine jener seltenen menschlichen Tätigkeiten, deren Sinn sich in sich selbst erfüllt.
Ein gutes Gespräch? Es lässt sich weder planen noch beschleunigen. Man weiss nicht, wohin es führt, welche Gedanken entstehen oder welche Bekanntschaft daraus erwächst. Vielleicht zu nichts. Vielleicht zu einer Freundschaft. Vielleicht bleibt einfach die Erinnerung an einen schönen Nachmittag.
Auch das ist ein Wert. Einer, der sich allerdings in keiner Excel-Tabelle vernünftig darstellen lässt.
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Die Gemeinschaft der freiwillig Unvernünftigen
Der französische Soziologe Émile Durkheim erkannte bereits vor über hundert Jahren, dass gemeinsame Rituale eine besondere Form gesellschaftlicher Verbundenheit schaffen. Menschen erleben sich nicht nur als Individuen, sondern als Teil einer Gemeinschaft. Sie teilen einen Augenblick, eine Begeisterung, eine Erfahrung.
Das lässt sich auch an einem Tisch beobachten, an dem Menschen sitzen, die sich zuvor vielleicht noch nie begegnet sind. Eine Cigarre wird angezündet, ein Glas erhoben, eine Geschichte erzählt. Aus Fremden werden Gesprächspartner. Berufliche Stellung, gesellschaftliches Ansehen und persönliche Unterschiede verlieren für einige Stunden an Bedeutung.
Die Cigarre ist dabei nicht das Entscheidende. Sie ist Anlass und Ritual. Sie verlangt Zeit, Geduld und eine gewisse Bereitschaft, sich dem Augenblick hinzugeben.
Vielleicht liegt gerade darin ihre gesellschaftliche Besonderheit: Man kann eine gute Cigarre nicht sinnvoll zwischen zwei Geschäftsterminen beschleunigen. Wer sie geniessen will, muss sich Zeit nehmen. Zeit, die anschliessend unwiederbringlich vergangen ist, ohne dass man damit irgendetwas produziert hätte.
Was für ein Luxus.
Die Würde des zweckfreien Zusammenseins
Was Veranstaltungen wie den Big Smoke so bemerkenswert macht, ist deshalb weniger der Gegenstand des Genusses als die Gemeinschaft, die daraus entsteht.
Hier kommen Menschen freiwillig zusammen. Nicht, weil sie müssen. Nicht, weil eine Institution sie dazu verpflichtet oder ein gesellschaftlicher Auftrag sie verbindet. Sondern weil sie eine Vorliebe teilen und Freude daran haben, diese gemeinsam zu erleben.
Man könnte von einer kleinen Wahlgemeinschaft des Genusses sprechen. Angesichts einer Gesellschaft, in der zunehmend auch über fremde Lebensfreuden moralisch geurteilt wird, vielleicht sogar von einer Schicksalsgemeinschaft der freiwillig Unvernünftigen.
Ihre Mitglieder müssen nicht dieselben politischen Überzeugungen vertreten, denselben gesellschaftlichen Hintergrund haben oder auch nur einer Meinung sein. Sie verbindet für einige Stunden etwas viel Einfacheres: das Vergnügen an einer gemeinsamen Erfahrung.
Ein Fest als kleine gesellschaftliche Wohltat
Samuel Hauser und Tobias Hüberli haben mit dem Big Smoke, gemeinsam mit ihren Mitorganisatoren, weit mehr ermöglicht als einen gelungenen Anlass für Cigarrenliebhaber.
Sie haben einen Raum geschaffen, in dem Menschen zusammenkommen, sich austauschen, Bekanntschaften pflegen und neue schliessen können. Einen Raum, in dem Genuss nicht fortwährend begründet werden muss und die gemeinsame Freude wichtiger ist als die Frage, welchen gesellschaftlichen Nutzen sie erfüllt.
Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit.
Ist es aber nicht.
Denn bei aller Sorge um Gesundheit, Sicherheit und ein möglichst langes Leben sollten wir nicht vergessen, weshalb wir dieses Leben überhaupt führen.
Was nützt uns ein immer längeres Leben, wenn wir darüber vergessen, es zu leben?
Am Ende dieses Sonntags waren die Cigarren geraucht, die Gläser geleert und die Teller abgetragen. Geblieben sind Gespräche, Begegnungen und Erinnerungen. Und vielleicht das beglückende Gefühl, für einige Stunden einfach Mensch gewesen sein zu dürfen.

Bild: PSZ | Eine Zeitreise: Drei Männer, ein CIGAR und ziemlich viel Vergangenheit. Romeo Brodmann, Chefredaktor bis 2007, Stefan Schramm, Gesamtverantwortlicher für CIGAR und Big Smoke bis 2022, und Tobias Hüberli, heutiger Chefredaktor und Organisator Big Smoke.
