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  ZEITGEIST | FORTSCHRITTSGLAUBE: Wenn Erneuerung zum Selbstzweck wird.

Erneuerung ist noch lange kein Fortschritt. Doch in der Berufsbildung wird Bewährtes abgeschafft, ohne zu hinterfragen, welches Wissen dabei verloren geht. Besonders bitter: Ausgerechnet jene, die von diesem Fachwissen leben, scheinen seinen Wert zunehmend zu verkennen. Und irgendwann stellt sich die Frage, weshalb man weiterhin für etwas kämpfen soll, dessen Verlust die Betroffenen nicht einmal mehr bemerken.

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Text: Romeo Brodmann | Bild: Unsplash, Marek Studzinski
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Fotocredit: Unsplash, Marek Studzinski | Bücherverbrennungen gehören zu den dunkelsten Kapiteln unserer Geschichte. In Ray Bradburys dystopischem Roman Fahrenheit 451 werden Bücher verbrannt, damit die Menschen nicht mehr selbstständig denken. Heute braucht es zum Glück keine Scheiterhaufen, um Wissen verschwinden zu lassen. Es genügt bisweilen, seine Abschaffung als Fortschritt zu verkaufen. Der Unterschied: Diesmal applaudieren ausgerechnet jene, die das Wissen eigentlich bewahren sollten.

 

Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung unserer Zeit: Etwas wird verändert, abgeschafft oder durch etwas Neues ersetzt, und allein die Tatsache, dass sich etwas verändert, gilt bereits als Fortschritt. Man müsse eben mit der Zeit gehen, heisst es dann. Als wäre die Zeit ein Qualitätsmerkmal.

Dabei wird eine entscheidende Frage erstaunlich selten gestellt: Was verlieren wir eigentlich, wenn wir etwas abschaffen?

Über Generationen entstandenes Wissen, bewährte Strukturen und gewachsene Erfahrungen haben häufig einen Wert, der sich nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. Nicht alles, was alt ist, ist deshalb gut. Aber ebenso wenig ist alles, was neu ist, eine Verbesserung. Wer etwas ersetzen will, sollte wenigstens verstanden haben, weshalb es überhaupt entstanden ist und welche Aufgabe es erfüllt.

Besonders problematisch wird es, wenn dieses Verständnis bereits verloren gegangen ist. Dann werden Lehrmittel abgeschafft, ohne ihren fachlichen Gehalt vollständig zu erfassen. Überlieferte Verfahren verschwinden, weil sie umständlich erscheinen. Gewachsene Strukturen werden aufgelöst, weil sich mit zentraler Führung einfacher entscheiden lässt. Die unmittelbaren Vorteile sind sichtbar, die langfristigen Verluste dagegen oft nicht.

Und mit jeder Generation, die dieses Wissen nicht mehr vermittelt bekommt, wächst die Gefahr, dass auch das Bewusstsein für seinen Wert verschwindet. Was man nie gelernt hat, kann man kaum vermissen. Was man nicht mehr kennt, kann man nur schwer beurteilen. Und was niemand mehr vermisst, lässt sich irgendwann widerstandslos abschaffen.

Das ist keine Kritik am Fortschritt. Im Gegenteil. Wirklicher Fortschritt setzt voraus, dass wir wissen, worauf wir aufbauen. Dass wir unterscheiden können zwischen dem, was überholt ist, und dem, was uns erst befähigt, etwas Besseres zu schaffen.

Eine Gesellschaft verliert ihr Wissen nicht erst dann, wenn niemand mehr darüber verfügt. Sie beginnt es bereits dann zu verlieren, wenn sie verlernt, seinen Wert zu erkennen.

Denn solange eine Gesellschaft erkennt, dass ihr Wissen fehlt, kann sie versuchen, es zurückzugewinnen. Wenn sie aber gar nicht mehr erkennt, dass ihr etwas fehlt, verschwindet auch der Antrieb dazu.

Und damit stellt sich eine Frage, die weit über die Berufsbildung hinausgeht:

Was geschieht mit einer Gesellschaft, die Fortschritt nicht mehr daran misst, was sie hinzugewinnt, sondern zunehmend daran, was sie hinter sich lässt – ohne noch zu wissen, weshalb es einmal wichtig war?