0 0 Teilen:

  Das Pauli Magazin Newsletter 10. Dezember 2025: «Romeo, beruhig Dich!» Digitale Demenz und das verlorene Narrativ. Jahresendgespräch von Schramm und Brodmann.

Hier für den Newsletter von DAS PAULI MAGAZIN anmelden: https://daspaulimagazin.ch/de/info/newsletter.

 

Liebe Leserin, lieber Leser
Eigentlich wollte ich einen warmherzigen, versöhnlichen und kurzen Festtagsnewsletter verfassen. Aber ganz ehrlich: Ich verstehe diese Welt nicht mehr. Rundherum erodieren Allianzen, Loyalitäten und Verantwortungsbewusstsein. Was mich am meisten verstört: Integrität, einst Fundament jeder öffentlichen Institution, scheint zur austauschbaren Variable geworden zu sein.
Jetzt stürzen Sie erst mal einen Ingwershot von Schramm (für das Rezept nach unten scrollen), damit Ihnen warm ums Herz wird, bevor sie nachfolgende bittere Pille schlucken.
Als die SBB ihren grössten Beschaffungsauftrag ins Ausland, nach Deutschland vergab, brach für mich ein Stück Gewissheit weg. Die SBB, ein Unternehmen, das jährlich mit Hunderten Millionen Franken an staatlicher Unterstützung operiert, 2024 einen Kapitalzuschuss von 1,15 Milliarden Franken benötigte, um die Folgen der Coronakrise zu bewältigen (O-Ton von Bundesrat Ueli Maurer zu unserer Branche: Die Gastronomie muss jetzt halt eine Marktbereinigung über sich ergehen lassen) und für 2025–2028 aus dem Bundeshaushalt einen Investitionsrahmen von 16,4 Milliarden für die Infrastruktur erhält, entscheidet sich gegen die Schweizer Wertschöpfung. Natürlich wurde argumentiert, ein Team aus über 100 Spezialisten habe die Offerten technisch und finanziell geprüft. Doch genau das ist das Problem: Die soziologischen, politischen und volkswirtschaftlichen Folgewirkungen wurden offenbar weder berücksichtigt noch gewichtet.
Im Ergebnis wirkt diese Entscheidung wie ein symbolischer Affront gegenüber der eigenen Volkswirtschaft: Ein klassisches Beispiel dessen, was in der Governance-Forschung als Public Value Disconnect bezeichnet wird: eine Entkopplung zwischen staatlichem Auftrag, gesellschaftlichem Nutzen und realer Beschaffungspraxis.
Ich dachte, tiefer könnte man nicht sinken. Dann las ich, dass die Österreicher ihren Zugbau-Auftrag nach China vergeben, also in ein Land, in dem europäische Unternehmen nicht einmal mitbieten dürfen. Damit wird ein grundlegendes Prinzip jeder liberalen Wettbewerbsordnung verletzt:Reziprozität. Es ist ein Vorgang, der in der Politökonomie als asymmetrische Marktöffnung bezeichnet wird, ein Zustand, bei dem man selbst offene Märkte gewährt, aber im Gegenzug ausgeschlossen wird.
Und dann erreichte mich ein weiterer Vorgang, der irritierte: Eine Konferenz der Gastro Formation Schweiz (HGF) für die kantonalen Sektionen, offenbar im Kontext der überbetrieblichen Kurse (ÜK). Die Veranstaltung drehte sich nach übereinstimmender Aussagen Dritter nicht nur alleine um das obligatorische WIGL-System, sondern es war auch der Gründer und Mitinhaber dieses privaten Unternehmens persönlich anwesend. Ich habe das nicht weiter nachgeprüft, aber so oder so ... hier stellen sich schon grundlegende Governance- und Compliance-Fragen: Warum nimmt der CEO einer privaten Firma an einer internen Sitzung einer öffentlich getragenen Bildungsinstitution teil? In welchem Mandat? Gibt es eine Transparenz- oder Interessenkonfliktprüfung? Wer stellt sicher, dass keine Einflussnahme auf Beschaffungen oder Systemvorgaben erfolgt? Und erreichen diese Strukturen die Aufsichtsebene einschliesslich des zuständigen Bundesamts für Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI)?
Solche Konstellationen fallen in der Organisationsforschung unter strukturelle Interessenkonflikte oder regulatory capture, also die Gefahr, dass privatwirtschaftliche Akteure indirekt Einfluss auf öffentliche Entscheidungen nehmen, die eigentlich neutral und im gesamtwirtschaftlichen Interesse zu erfolgen hätten.
Befremdlich ist auch, dass die Arbeitgeberverbände, die eigentlich 80 Prozent der Trägerschaft der HGF stellen und somit sowohl die finanzielle als auch organisatorische Oberaufsicht innehätten,
diesen Entwicklungen offenbar tatenlos zusehen. Dabei wären sie aufgrund ihrer Struktur in der Lage und auch in der Pflicht, Governance-Mechanismen, interne Kontrollen und Transparenzpflichten gegenüber ihren Mitgliedern, die das ganze bezahlen, durchzusetzen.
Diesen Fragen wird in den kommenden Jahren vertieft nachgegangen werden müssen. Denn das System der Bildungs- und Vollzugskostenbeiträge im schweizerischen Gastgewerbe hat ein strukturelles Grundproblem: So gut das alles gemeint ist und so gut auch vieles ist: das Geld, das von Arbeitgebern und Arbeitnehmenden zwangsweise erhoben wird, fliesst nicht primär in unabhängige, neutrale Bildungslandschaften, sondern in verbandseigene Strukturen, verbandseigene Bildungsinstitutionen und zunehmend eben auch in systemgebundene Anbieter wie WIGL. Und genau hier beginnen die ernsthaften Governance-Risiken.
Na ja, etwas nahezu Positives: Wenn Genuss von der WHO zur Straftat erklärt wird, ist es Zeit, wieder aufzustehen. Mit Gaudium Suisse erhebt sich eine Allianz aus Gastronomie, Wein-, Bier- und Spirituosenbranche und der Politik gegen den wachsenden Moral- und Regulierungsfuror, der längst jede Lebensfreude unter Generalverdacht stellt. Als nächstes wird mir vorgeschrieben wann, wo, wie und mit was ich mir s Fudi zu putzen habe. Lesen Sie weiter unten.
Unter dem Titel Soziologie / funktionalisierte Mahlzeit haben wir die Dönerisierung der Mittagsverpflegung angerissen und in drei Artikeln versucht, den Wandel der Mahlzeitkultur einzufangen. Ausschlaggebend war das Interview mit Jasmin Angehrn in ihrem tollen Landgasthof zur Alten Herberge in Niederbüren. Als Schramm und ich da rausgefahren sind, fuhren wir über Land an sehr vielen für ewig geschlossenen Gastronomiebetrieben vorbei. Etwas Grosses ist im Begriff zu sterben und das gastronomische Narrativ gleich mit. Schramm und ich haben in unserem Jahresendgespräch darüber geredet - auch über die Verantwortung von Fachmedien.
Eine Fachredaktion wie Das Pauli Magazin trägt heute die Verantwortung, Wissen, Handwerk und kulturelle Identität zu bewahren, Hintergründe zu erklären, Entwicklungen einzuordnen, zu inspirieren und vor allem dort zu widersprechen, wo andere lieber schweigen. Wenn Sie uns hier also 18 Minuten beim Schnapsen zuhören wollen, bitte sehr, tun Sie sich keinen Zwang an. Wenn nicht, finden Sie auch einen Artikel über die wunderbare, fast ausgestorbene Mispel. Nein, nicht Mistel, Mispel(i).
Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen weiterer Artikel. Geniessen Sie die Festtage und den Rutsch ins neue Jahr. Machen Sie die Kaviardose auf, lassen Sie die Korken knallen, den Schaumwein fliessen und stecken Sie Cigarren aber bitte nicht den Weihnachtsbaum in Brand. Wir melden uns erst wieder im neuen Jahr, bis Anfang Februar geben wir Ruhe. Hebet sorg.
Romeo Brodmann

Ihr Browser kann das PDF leider nicht anzeigen. Bitte laden sie das PDF herunter: Download