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  Das Pauli Magazin Newsletter 14. Juli 2026: Die Würde der Kochbanane / Eine «Runggle» für sicherheitspolitische Blindgänger.

(Bild Titel: Unsplash, Abhishek Tewari.)

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Bild: md | Während der Sommerpause wird das Buch gedruckt, verarbeitet und gebunden. Ca. Ende September wird es erhältlich sein. Geniesst den Sommer und lasst nichts aus.
 
Liebe Leserin, lieber Leser
Die Schweizer Landwirtschaft ist von unschätzbarem Wert. Ihre Arbeit, ihre Verantwortung und ihre Bedeutung für unser Land stehen ausser Frage. Genau deshalb ist die Haltung der Bauernverbände zum Mercosur-Abkommen so ärgerlich. Wer über Jahre Solidarität, höhere Preise und politische Rückendeckung einfordert, sollte diese Solidarität nicht dort verweigern, wo andere Branchen auf offene Märkte angewiesen sind. Solidarität ist keine Einbahnstrasse.
Mit der Bekämpfung des Mercosur-Abkommens haben die Bauernverbände für mich eine Grenze überschritten. Nicht die einzelnen Bauern, sondern ihre politische Vertretung. Der Heimatschutz der Herzen ist arg beschädigt. Besonders deutlich zeigt sich das beim Fleischimport. Auf dem Papier ist der Markt offen, in der Praxis bleibt er ein Gatter für die Grossen: Kontingente, Bewilligungen, Logistik, Kapital. Wer das nicht hat, bleibt draussen oder bezahlt für Fleischimporte über Zölle absurd hohe Preise.
Das ist kein fairer Schutzmarkt, sondern ein verwaltetes Quasi-Monopol zugunsten weniger. Deshalb gehört das Zollkontingentsystem für Fleischimporte grundsätzlich infrage gestellt.
Ich bin ein Pazifist. Aber Pazifismus heisst nicht, der Gewalt anderer wehrlos entgegenzugehen. Der alte, Napoleon zugeschriebene Satz spricht für sich: Wer keine eigene Armee hat, muss früher oder später eine fremde dulden. Sich verteidigen zu können, ist kein Bekenntnis zum Krieg, sondern manchmal die letzte Voraussetzung dafür, ihn nicht führen zu müssen.
Ich bin heute, anders als in meiner Jugend, kein Patriot mehr im feierlichen Sinn. Auch dieses Land verkommt politisch, die Freiheit der Meinungsäusserung wird zunehmend eingezäunt, Kontroll- und Verbotswahn greifen ungehemmt um sich. Für nationale Märchen gebe ich mein Leben nicht mehr her. Da halte ich es eher nach Hemingway: Im modernen Krieg stirbt man nicht süss und ehrenvoll für das Vaterland, sondern elend, zufällig, im Schützengraben abgeschlachtet wie ein Hund, und das für nichts.
Schwer auszuhalten ist für mich der Zustand der Schweizer Armee und noch schwerer, wie die Politik sie hat verkommen lassen. Ich meine damit nicht neue Waffen, Flugzeuge und schon gar nicht sechs Dronen für fünfhundert Kisten (eine Kiste in der Schweiz = eine Millionen Franken). Ich meine den Umstand, dass in diesem Land einmal fast jeder Bürger auch Soldat war.
Ob man das Militär für einen Scheissdreck hielt oder ihm etwas abgewinnen konnte: Es brachte ein soziales Band mit sich, das Menschen bei aller Uneinigkeit zusammenband. Gegner und Befürworter standen in derselben Formation, schliefen in denselben Unterkünften, assen aus derselben Kochkiste und mussten sich irgendwie miteinander arrangieren. Genau daraus entstand Ausgewogenheit, eine natürliche Kontrolle sowie ein gesellschaftlicher Konsens über den Dissens.
Vielleicht war gerade das der eigentliche Wert der Milizarmee: dass sie nicht nur Verteidigungsinstrument war, sondern auch ein Ort, an dem sich ein Land selbst begegnete. Unbequem, widersprüchlich, manchmal absurd aber verbindend. Deshalb habe ich mir erlaubt, in diesem Newsletter als Oberleutnant ausser Dienst die Armee aufzugreifen und eine «Runklä» auf die Sicherheitspolitischen Blindgänger abzufeuern, selbstverständlich erst im Anschluss an die Rezepte aus der Dominikanischen Küche sowie den Warenkunde-Artikeln zum Tabakanbau, Mofongo-nochmal. Ich hielt Holland lange für ein vernünftiges Land; für ein Land, das Freiheit nicht nur verwaltet, sondern auch aushält. Spätestens mit der staatlich verordneten Einheitsverpackung (Plain Packaging) für Tabakprodukte ist davon wenig übriggeblieben. Wo selbst Cigarren in staatlich verordnete Einheitsverpackungen gezwungen werden, hat sich die selbstbewusste Freiheit in einen administrierten Freigang im Laufgitter verwandelt.
Eine staatlich verordnete ästhetische Zwangserziehung, die erwachsene Menschen nicht mehr als Bürger behandelt, sondern als zu lenkende Risikowesen, kommt dem Faschismus bedenklich nahe. Sie berührt jedenfalls jenen autoritären Reflex, der dem Faschismus zugrunde liegt: Menschen nicht als freie Bürger zu achten, sondern als Material zu betrachten, das geformt, gelenkt und normiert werden muss.
Hier passt ein oft dem Publizisten, Sozialisten und Antifaschisten Ignazio Silone zugeschriebenes, quellenmässig jedoch umstrittenes Diktum wie die Faust aufs Auge: «Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.» (François Bondy, Pfade der Neugier) Was das mit Gastronomie zu tun hat? Nun, wer glaubt, die unter der Tyrannei der Mehrheit (Tocqueville) staatlich verordnete Einheitsverpackung bleibe beim Tabak stehen, glaubt vermutlich auch, dass der Feuermelder nur wegen der Kerze losgeht. Was heute die Cigarre trifft, trifft morgen die Weinkarte, übermorgen das Dessert und danach die Speisekarte als solche. Irland setzt derzeit umfassende Warnhinweise auf Alkoholprodukten ein. Spanien diskutiert ein absolutes Rauchverbot. auf Restaurant-Terassen.
Als nächstes kommt die Pflicht zur Kalorienangabe neben dem Kalbskotelett, CO₂-Bilanzen neben dem Entrecôte, Zuckerampeln beim Tiramisu, Fettverweise bei der Sauce béarnaise. Die Gesellschaft, die alles Glänzende mattiert, alles Eigenständige normiert und jede Zumutung des Lebens unter Verwaltung stellt, entwickelt sich progressiv. Man darf durchaus spekulieren, ob diese Entwicklung nicht in einem grösseren Zusammenhang steht: Je stärker der Staat Genuss, Risiko, Eigenverantwortung und ästhetische Differenz aus dem öffentlichen Leben herausreguliert, desto gesünder scheint die Gesellschaft geistig nicht zu werden.
Im Gegenteil: Während alles sicherer, korrekter und hygienischer werden soll, nehmen Erschöpfung, Angst, Depressionen und seelische Überforderung sichtbar zu. Vielleicht ist der Mensch eben nicht dafür gemacht, in einer rundum betreuten, farblosen und risikobereinigten Welt gesund zu bleiben. Und wenn wir jetzt nicht aufpassen, droht die Gastronomie ihr vielleicht wertvollstes Alleinstellungsmerkmal zu verlieren: ihr Gelage-Profil, das kultivierte Versprechen von Essen, Trinken, Überfluss, schönem Besteck, herrlichen Gläsern, bestem Champagner und genussvoller. Unvernunft. Wobei diese Unvernunft selbstverständlich auch für gebratenen Fleischkäse mit Spiegelei und Bier gilt – je nach Tagesform sogar ganz besonders.
Geht auch dieses Profil verloren, wird die Gastronomie endgültig austauschbar. Dann werden ihre grössten Konkurrenten sie überrollen: die Futtertröge von Coop und Migros. Bier gibt es dort auch, erst noch billiger, als Wirte es selbst einkaufen können - lustig. Die Fressrinnen des Detailhandels sind übrigens eines unserer Themen für nach dem Sommer.
Nun, am Ende bleibt ein brutaler Befund: Der Traum, andere mittels Verbote zu beherrschen, ist meist die feige Verkleidung der eigenen Angst. Wer das freie Leben anderer nicht aushält, verkleidet seine Angst als Fürsorge, seine Bevormundung als Moral und seinen Machtmissbrauch als Verantwortung. Also! In einer Welt, die selbst den Rausch überwacht, wird der Griff zur Flasche und zur Cigarre zum letzten zivilisierten Aufstand des ungezähmten Menschen. Nicht, weil der Suff eine Tugend wäre, sondern weil eine Gesellschaft, die jede Schwäche filmen, jedes Laster vermessen und jede Ausschweifung moralisch verwerten will, am Ende den Menschen selbst nicht mehr aushält.
Dieser zivile Ungehorsam endet deshalb nicht im Delirium, sondern im entschlossenen Recht auf ein unprotokolliertes Leben: auf einen Abend, der niemandem gehört ausser denen, die ihn leben; auf Genuss ohne Beweisfoto, auf Fehlbarkeit ohne Tribunal, auf Rauch, Gespräch, Freundschaft und jene kleine Unvernunft, ohne die Vernunft irgendwann zur Verwaltung des Lebendigen verkommt. Setzt die Flaschen an, steckt die Cigarren in Brand, liebt euch und geniesst die heisse Jahreszeit. Wir verabschieden uns bis Ende August in die Sommerpause.
Im Keller lag ein voller Mann, 
der sah den letzten Tropfen an.
Er sprach: «Bevor ich hier verrost’,
gebt mir noch einen.»
Prost.
Auf das Risiko und auf das Leben. Bis dann.
Romeo Brodmann

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