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  Das Pauli Magazin Newsletter 4. Juni 2026: 10-Millionen-Schweiz | Misstrauensantrag für Jahre politischer Versäumnisse | Der letzte Rausch.

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Liebe Leserin, lieber Leser
Was Sie hier vor sich haben, ist ein ziemlich politischer Newsletter. Anders als viele politisch gebundene Verbands- und Fachmedien ist Das Pauli Magazin tatsächlich frei in seiner Meinungsäusserung. Und an der Nachhaltigkeitsinitiative gegen eine 10-Millionen Schweiz kommt man publizistisch wohl kaum vorbei. Man kann sich ducken, man kann sich winden, man kann so tun, als ginge einen das alles nichts an. Aber genau das wäre dann eben auch eine Haltung.
Nun denn: Wir geben keine Wahlempfehlung ab. Im Gegenteil: Wir distanzieren uns ausdrücklich sowohl von den Ja-Brüllern als auch von den Nein-Schreiern. Dieses reflexhafte Lagergezänk kann einem ganz schön auf den Wecker gehen. Was wir versucht haben, ist etwas anderes: darzulegen, wie sich diese Initiative auch lesen lässt, jenseits von Parolen, Empörungsroutine und parteipolitischem Pawlow.
In der Diskussion in der Redaktion hat uns vor allem eines erstaunt: Es findet sich kaum ein Hinweis auf einen Systemfehler, der unter der ganzen Debatte liegt: Die konsequente und beinahe religiöse Fokussierung auf Wachstum, Rendite und Profitmaximierung ist aus systemtheoretischer und ökologischer Sicht nicht einfach ein Schönheitsfehler unserer modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Sie ist eher so etwas wie ein implementiertes Versagen.
Und nein, bevor jetzt jemand reflexartig die rote Socke aus dem Schrank holt: Ich bin keine. Im Gegenteil. Wenn ich mich politisch beschreiben müsste, dann vielleicht so: bürgerlich-humanistisch, liberal-konservativ, unideologisch-vernünftig. Also irgendwo dort, wo Anstand, Freiheit, Verantwortung und gesunder Menschenverstand noch nicht als Extrempositionen gelten. Das ist festzuhalten, weil es hierbei nicht geht, ohne den Finger zu darauf legen, dass ausgerechnet viele der grossen Träger und Sympathisanten der Nachhaltigkeitsinitiative zwar das Bevölkerungswachstum bremsen wollen, mit ihren Unternehmen aber weiterhin auf Wachstum, Expansion und Profitmaximierung setzen. Das ist mindestens erklärungsbedürftig. Vielleicht sogar ein wenig heikel. Und ganz sicher nicht frei von Ironie.
Das Dilemma lässt sich in einigen Kernpunkten zusammenfassen:
Das Prinzip des endlichen Planeten:
Unser Wirtschaftssystem beruht auf der Annahme von fortwährendem Wachstum. Physisch gesehen leben wir jedoch auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen. Selbst die Sonne hat ein Ablaufdatum, auch wenn das für die nächste Budgetsitzung vermutlich noch nicht traktandiert ist.
Wachstum als Selbstzweck:
Unternehmen stehen unter dem Druck von Märkten, Eigentümern, Investoren oder Aktionären, immer weiter zu wachsen und Gewinne zu steigern. Das führt dazu, dass stabile, gesunde und vernünftige Zustände schnell als Stillstand, Schwäche oder Rückschritt gelten. Dabei wäre manchmal genau das die eigentliche Leistung: ein System nicht weiter aufzublähen, sondern es tragfähig zu halten.
Externalisierung von Kosten:
Damit Preise tief, Margen hoch und Gewinne attraktiv bleiben, werden ökologische und soziale Kosten oft ausgelagert. Umweltbelastung, Ressourcenverbrauch, Gesundheitsschäden, Überforderung, Zersiedelung oder Infrastrukturkosten verschwinden nicht. Sie tauchen nur an anderer Stelle wieder auf, meistens bei der Allgemeinheit, beim Staat oder bei künftigen Generationen.
Wohlstand versus Wachstum:
Erfolg wird beinahe ausschliesslich über unternehmerische Bruttowertschöpfung oder staatliches Bruttoinlandprodukt gemessen. Beide Grössen sagen aber wenig darüber aus, ob dieses Wachstum tatsächlich zu mehr Lebensqualität, sozialer Stabilität, ökologischer Tragfähigkeit oder gesellschaftlichem Frieden führt. Es kann auch sein, dass wir immer mehr messen, immer mehr produzieren, immer mehr verwalten und dabei trotzdem ärmer werden an Zeit, Vertrauen, Raum, Gesundheit und Freiheit.Konzepte wie die Gemeinwohl-Ökonomie, die Doughnut-Ökonomie nach Kate Raworth oder das Postwachstumsmodell setzen genau hier an. Sie stellen nicht mehr das Wachstum selbst ins Zentrum, sondern die Frage, wie eine Gesellschaft innerhalb ihrer ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Grenzen gut leben und wirtschaften kann, ohne auf permanente Expansion angewiesen zu sein.
Genau hier beginnt die eigentliche Zumutung. Denn wenn Wachstum nicht mehr die automatische Antwort auf jedes Problem ist, müssen Unternehmen, Konsumenten und Staat ihre Selbstverständlichkeiten zurückbuchstabieren: Wohlstand, Verfügbarkeit, Komfort, Mobilität, Konsum und Anspruchsdenken. Die Gretchenfrage lautet deshalb: Sind die Menschen und Unternehmen in diesem Land bereit, wieder mehr Selbstverantwortung zu tragen, anstatt jede Knappheit, jede Grenze und jede Zumutung reflexartig an den Staat weiterzureichen? Und ist der Staat im Gegenzug bereit, den Bürgerinnen und Bürgern wieder mehr Entscheidungsgewalt, Eigenverantwortung und Freiheit zurückzugeben, statt jede gesellschaftliche Schwierigkeit mit neuen Regeln, neuen Stellen und neuer Komplexität zu beantworten?
Gut, und wenn wir schon dabei sind: Die Branche braucht keine 10-Millionen-Grenze, die erledigt sich auch selber: Eine grosse Idee geht nicht durch einen grossen Knall kaputt, sondern durch viele kleine Hände, die sich daran bedienen. Was einst als gemeinsames Bildungsprojekt (FSG/HGF) mit übergeordnetem Ziel, institutioneller Grosszügigkeit und echtem Integrationswillen begann, zerfiel schrittweise in Ausschüsse, Zuständigkeiten, Besitzstände und Geschäftsmodelle. Aus dem gemeinsamen Auftrag wurde ein Systemgeschäft; aus Bildung wurden Module, Abos, Plattformen und verkaufbare Gesamtlösungen; aus Verantwortung wurde Renditeerwartung. Genau darin liegt die Tragik: Nicht der offene Konflikt zerstört solche Projekte, sondern die kleinteilige Gier der Beteiligten, die alle ein Stück vom Kuchen sichern wollen, bis vom Kuchen selbst, also von der ursprünglichen Idee, kaum mehr etwas übrig bleibt. Lesen Sie hier.
Derweil hat sich Stefan Schramm um «den letzten Rausch» gekümmert. Die deutsche Unternehmensberatungsfirma Roland Berger prognostiziert nichts weniger als einen historischen Umbruch: Alkohol sei nicht in einer Krise, sondern in einem strukturellen Niedergang. Bis 2050. könnte sich der weltweite Konsum im Extremfall halbieren. Wenn das nicht ein Grund ist, sich die Kannte zu geben, was dann? Hier finden Sie Artikel und die Studie «The Future of Alcohol» als Download.
Wir wünschen Ihnen nun ausserordentlich starke Nerven bei Ihrer Entscheidung zur Nachhaltigkeitsinitiative. Sollten Sie noch unentschlossen sein, öffnen Sie einen Whisky, stecken sie sich eine Cigarre von BrodmannCigars.Rocks in Brand und lesen Sie zur Beruhigung einfach den einen oder anderen Artikel in Das Pauli Magazin. Das hilft vielleicht nicht zwingend bei der Entscheidung, aber immerhin beim Gefühl, mit der Verwirrung nicht ganz allein zu sein.
Viel Spass.
Romeo Brodmann

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