SHORT STORY : GESCHICHTE
Im Jahr 1643 kaufte ein Liestaler Stadtschreiber namens Jakob Keller seiner Frau Rosine ein Hofgut. Dieses wurde erstmals 1465 als Kloster zu Schauenburg schriftlich erwähnt und aus der Hofeigenen Quelle sprudelte mit salpetriger Kalkerde gesättigtes Wasser. Rosine Keller lies das Hofgut in ein Badehaus mit 16 Zimmern umbauen. Seither wird in diesem Haus die Gastfreundschaft gepflegt. Seit über 370 Jahren.
Vor 34 Jahren pachtete Alfred Häring das Restaurant Hotel Bad Schauenburg – damals im Besitz der Ciba Geigy. Heute, nach dem der Baselbieter Unternehmer Peter Grogg das Gut kaufte und viel investierte, ist das Unternehmen eine Aktiengesellschaft, Alfred Häring ist im Verwaltungsrat und Tochter Stéphanie Häring führt das Unternehmen als Direktrice.
373 Jahre Gastfreundschaft. Ein Historiker schrieb einmal zur Baselbieter Bäderherrlichkeit „(...) das Bad Schauenburg, es war das grösste, nobelste und berühmteste (...).“ Der Badebetrieb wurde längst eingestellt. Geblieben ist die Gastfreundschaft, die erholsame Ruhe und der kulinarische Genuss. Berühmt und bekannt ist das Bad Schauenburg nach wie vor, doch eher in der Fasson von zurückhaltender Aufmerksamkeit. In diesem kleinen Stillen Tal oberhalb von Liestal, werden mitunter die wichtigsten unternehmerischen und politischen Entscheide der Nordwestschweiz getroffen. Wer hier ein und Ausgeht, wer verhandelt bleibt das Geheimnis dieser alten verschwiegenen Mauern und der Gastgeber, die diese freundliche Art der Zurückhaltung leben.
Stéphanie Häring ist eine durchwegs fröhliche Erscheinung. Durch und durch eine Gastgeberin und Unternehmerin. Nach der obligatorischen Schulzeit besuchte sie die Handelmittelschule und arbeitete im Bereich der Public Relation. Unter anderem machte sie die grossen Umbrüche und die Odysee der Swissair mit. „Eigentlich machte mir das Spass, aber wir wissen alle, dass das nicht so gut ausgegangen ist“ lacht sie. Dass sie ins Gastgewerbe einsteigen würde, war damals überhaupt nicht klar, schon gar nicht, dass sie die Gastgeberrolle Ihres Vaters übernehmen würde. Sie war noch jung und wollte die Welt sehen. Also ging sie nach Perugia in Italien. Nicht einfach um italienisch zu lernen, das konnte sie schon, sondern vielmehr um die Sprachfertigkeit mit dem Geist der Italianita zu beseelen. Danach ging sie nach Vancouver, Kanada, um das Englisch in derselben Art aufzupolieren. „Das war eine der schönsten Zeit überhaupt. Es ist eine wunderschöne Stadt die mit einer -Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft durchdrungen ist.“
Alfred Häring. Der Vater. Der Patron durch und durch. Zuerst die Lehre als Koch, dann ein Praktikum als Metzger. Dann noch ein Praktikum als Patissier und anschliessend die Hotelfachschule Zürich Belvoirpark. Alfred Häring muss nicht viel sagen. Er ist, und das sagt schon alleine seine Erscheinung, ein Perfektionist mit absoluter Gradlinigkeit. Als Junger Koch ging er nach London ins berühmte Hotel Dorchester. Von dem damaligen Küchenchef erhielt er die Empfehlung nach Montreal ins Hotel Queen Elisabeth zu gehen. Aber als er das Visa erhielt ging er zuerst nach New York, die Stadt, der Big Apple erschien im reizvoller. Er heuerte als Schwarzarbeiter im berühmten Waldorf Astroia an, bis es im einleuchtete, wie heikel es ist, in Amerika ohne Bewilligung zu arbeiten. Als Food&Beverage-Trainee kam er dann im Hotel Queen Elisabeth an und stieg auf. Mit seinem Organisations- und Sprachtalent führte er als einer der Jüngsten und als Chef über 12 Restaurants, Caterings und Discos im Place Ville-Marie 650 Mitarbeiter. Das Place Ville-Marie ist ein Wolkenkratzer mit Kreuzförmigen Grundriss, der, 1962 eröffnet, sozusagen das Vorgängerprojekt für das New Yorker World Trade Center war. Soviel zur Grössenordnung.
LONG STORY : INTERVIEW
Das Pauli Magazin: Stéfanie Häring, wie kam es, dass Sie letztendlich trotzdem ins Gastgewerbe eingestiegen sind?
Stéphanie Häring: Ich bin im Bad Schauenburg aufgewachsen und habe seit frühester Kindheit mitgearbeitet. Ich musste das nicht, sondern wollte es. Das war durchwegs spielerisch und mit grossem Spass verbunden. Hier oben gab es keine Nachbarskinder und oft war es langweilig. Dann war ich eben mit meiner Mutter zusammen, deckte für Bankette auf und solche Sachen. Als ich alt genug war, machte ich dann nachmittags die Terrasse im Service. Und auch das war ein Dürfen und Wollen. Das, am Rande bemerkt, ist heute ein grosser Vorteil. Viele Gäste und Mitarbeiter kennen mich von klein auf als arbeitendes Mädchen. Als ich aus Kanada zurück kam wusste ich, dass es nicht mein Ding sein würde, in einem Büro zu hocken. Ich machte die Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich und arbeitete im Savoy und Baur en Ville Zürich. In allen Bereichen. Das war eine gute Zeit mit vielen Eindrücken und Einsichten. Es war auch sehr lustig. In dieser Reserviertheit von Noblesse Oblige eines Fünfsterne-Hotels war ich mit meiner ländlichen und schon fast hemdsärmeligen Art ein Kontrapunkt.
DPM: Ihr Vater war über 30 Jahre Patron. Jetzt ist er im Verwaltungsrat und sie führen das Haus. Ist das nicht manchmal familiär zu eng und führt zu Auseinandersetzungen und Abgrenzungswünschen?
Stéphanie Häring: Nein. Überhaupt nicht. Natürlich haben wir unterschiedliche Meinungen. In der Regel aber Kleinigkeiten. Er will es grün, ich will es rot. Aber das sind Dinge die ausdiskutiert werden. Mehr nicht. Entscheidend ist, dass wir hier grundsätzlich in einer modernen Art auf Augenhöhne funktionieren. Wir respektieren uns gegenseitig und kreieren auch zusammen. Das ist im ganzen Haus so.
Alfred Häring: Es ist einfach so, dass wir von Grund auf schon fast militärisch durchorganisiert sind. Das ist schlicht und einfach die Basis dafür. Über Abläufe müssen wir nicht diskutieren.
DPM: Herr Häring, wie fühlt es sich eigentlich an, als junger Mann 650 Leute zu führen?
Alfred Häring: Das war schon etwas Grosses. Vor allem auch, weil man sich dafür nicht bewerben konnte. Da gab es keine langen Auswahlverfahren. Man wurde nominiert und unter den Trainees hatte ich einige Alleinstellungsmerkmale. Ich war Koch mit der Erfahrung als Metzger und Patissier, hatte einen Hotelfachschulabschluss und ja, bei aller Bescheidenheit, ich habe das auch recht gut gemacht, war kommunikativ und sprachgewandt. Letztendlich hat es bedungen, dass du Tag und Nacht arbeitest.
DPM: Und dann kommen sie aus der grossen weiten Welt zurück in die Provinz, in dieses kleine Tälchen oberhalb von Liestal...
Alfred Häring: Da gab es schon noch eine paar Geschichte vorher ... Ich war anschliessend zuständig für die Eröffnung von Hilton Hotels, lernte aber gleichzeitig in Montreal meine Frau kennen. Dann wollte ich plötzlich nicht mehr reisen, sagte zwei Angebote, Eröffnungen durch zu führen, ab. Es war klar, ich konnte kein drittes Mal absagen und ging. Dann kontaktierte mich ein Head Hunter.
DPM: Und das war für was?
Alfred Häring: Ich konnte in Lugano vier Hotels, die der SKA gehörten, übernehmen um effektive Strukturen aufzubauen. Das Problem für die SKA war, dass die Hotels wegen fehlender Bilanzen nicht veräussert werden konnten. Ich musste also die Hotels von den roten in die schwarzen Zahlen führen und dies auch dokumentieren.
DPM: Und danach?
Alfred Häring: Dann fand ich es an der Zeit, etwas zurück zu buchstabieren und etwas Anderes zu machen. Da kam der Zufall. Als ich zurück in der Schweiz war, wurde ich natürlich sofort ins Militär eingezogen. Ich hatte, bevor ich ins Ausland ging nur noch die Unteroffizierschule absolviert, aber nicht abverdient – vorgesehen war eigentlich, dass ich die Küchenchefschule beim legendären Adjutanten Ravioli in Thun machen sollte. Nun ja, dann war ich also da oben auf dem Seltisberg als Küchenchef und gleichzeitig wollten die Chefs der Brigade einen politischen Apéro mit 450 Gästen aus der Region organisieren, wussten aber nicht wie. So musste ich im Restaurant Neuhüsli in Liestal in einem Hinterzimmer vorsprechen. Als ich da reinkam, war alles voller hoher Offiziere. Sie studierten meine Unterlagen und meinten, ich müsse das organisieren. Meine Bedingung war, dass der Herr Oberst von den Versorgungstruppen an meiner Seite steht, ich musste ja 5 Küchen zusammenführen und leiten und hatte im Grunde keinen Grad. Er sagte zu, ich auch und dann war ich unterwegs mit Chauffeur, Dienstwagen und einem Oberst an meiner Seite. Und es wurde ein voller Erfolg.
DPM: Und wann kommt das Bad Schauenburg?
Alfred Häring: Nach dem Anlass wurde ich auf die Bühne gerufen und mit grossem Aplaus verdankt. Anschliessend kamen einige Offiziere zu mir, die alle bei der Ciba Geigy arbeiteten. Sie erzählten mir, dass diese das Hotel Bad Schauenburg gekauft hätte und viel Geld in den Umbau investieren würde. Sie suchten einen Pächter, der den Betrieb als Seminarhotel führte. Ich musste noch die Geschichte im Tessin abschliessen. Dann habe ich das Angebot angenommen und bin mit meiner Kochbrigade vom Tessin ins Bad Schauenburg gezogen. Vom ersten Moment ging das hier ab wie die Post und ich hatte bis heute keine Durststecke.
DPM: Frau Häring, Hand aufs Herz, ihr Vater ist ein grosser Baum der einen grossen Schatten wirft. Ist der Druck nicht unheimlich gross?
Stéphanie Häring: Natürlich, das sind grosse Fussstapfen. Doch er bringt seines mit rein, ich meines. Dabei ergänzen wir uns, konkurrenzieren uns aber nicht.
Alfred Häring: Das hängt ja auch vom Charakter ab. Eines sagt mir meine Frau immer wieder: Ich sei in keiner Art und Weise narzisstisch veranlagt und ich kenne keinen Neid. Ich selbst nehme mich gerne zurück, bin eher im Hintergrund und versuche den Raum zu schaffen, in dem andere etwas entstehen lassen können. Diese Art hat Zeit meines Lebens zum Erfolg geführt.
DPM: Das ist sehr persönlich, quand même. Stéphanie Häring, ihr Vater hat sehr klare Linien, wusste immer was er will, sagt, er sei fast Militärisch organisiert. Ihr Mutter, die auch massgeblich im Betrieb mitarbeitet, ist streng Katholisch und in einem Internat erzogen worden, hat also auch eine sehr klare Linie. War Ihre Kindheit auch so streng?
Stéphanie Häring: Nein, überhaupt nicht. Es gab weder Druck noch Erwartungen, dass ich jetzt auch ins Gastgewerbe einsteigen und den Betrieb übernehmen müsse. Diese Nachfolge hat sich entwickelt, das war nie geplant.
DPM: Sie bilden hier auch Lehrlinge aus. Vielleich ein Wort dazu, wo und wie sie die Herausforderungen in unseren Berufen sehen...
Stéphanie Häring: Das ist nicht ganz einfach. Wir sehen uns immer wieder KandidatInnen an. Manchmal passt es, manchmal nicht. Ganz generell würde ich sagen, ist auffällig, dass immer mehr junge Menschen in einer umfassend geschützten Blase, fernab der Realität überbehütet leben. Die werden dann auf einmal in diese tatsächliche Wirklichkeit der Selbstverantwortung katapultiert. Die Herausforderung für uns wird immer grösser, dafür zu sorgen, dass diese jungen Menschen auch bestehen und sich zu einzigartigen Persönlichkeiten formen können. Das tun wir unter anderem, indem wir hinter unseren Mitarbeitenden stehen, fair entlöhnen und grosszügig sind. Das kommt zurück. Unsere ehemalige Direktionsassistentin hilft bei uns hin und wieder aus. Sie hörte bei uns vor längerer Zeit auf, weil sie ein Kind bekam. Seither hat sie auch in verschiedenen Betrieben wieder gearbeitet und sagte letzthin, es sei einzigartig, wie lange die Mitarbeitenden hier auf Schauenburg bleiben. Anderswo wechseln die Angestellten unheimlich schnell.
Alfred Häring: Wenn ich das hier anmerken darf: Ich hatte in meiner Kariere noch nie eine juristische Auseinandersetzung. Ausser einem Notar um rechtliche und behördliche Belange aufzusetzen brauchte auch noch nie einen Anwalt. Es gab in meinem Leben zwei Typen, die mich hintergingen und die habe ich selber abgestraft.
DPA: Und wie?
Alfred Häring: Ich bin einfach gegangen und habe sie zurückgelassen. Die sind dann beide ohne mich und mit Nichts dagestanden. Beide sind gescheitert.
DPM: Die Familie Häring war stets Pächterin des Hotel Restaurant Schauenburg. Jetzt, nach 34 Jahren hat der Baselbieter Unternehmer Peter Grogg den Betrieb gekauft, er investierte und investiert viel Geld und Engagement in Renovationen, Um- und Neubau. Jetzt ist der Betrieb umgewandelt in eine Aktiengesellschaft und Sie sind angestellt. Ist das nicht schwierig?
Stéphanie Häring: Die Umwandlung von einer Einzelfirma in eine Aktiengesellschaft war eine organisatorisch und rechtliche Sache mit vielen Unterschriften. Und wir werden jetzt plötzlich öfters gefragt, ob wir Unterschriftsberechtigt seien. Mehr nicht. Wir fühlen uns hier nach wie vor zuhause. Und es ist wunderbar, dass Herr Grogg zu diesem historischen Erbe und dem Erbe der Gastfreundschaft schaut und in die Zukunft investiert.
Alfred Häring: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis mit und zu Herrn Grogg. Und grundsätzlich kaufte er es mit der Bedingung, dass wir es weiterführen. Dass wir weitermachen. Er denkt sehr langfristig.
DPM: Wenn wir die Branche generell anschauen ... nach Airbnb kommt jetzt Airdine. Take Out-Buden schiessen wie Pilze aus dem Boden, die Menschen essen immer mehr, immer schneller, immer billiger, im Gehen; Mit der Sharing Economy und der Industrie 4.0 dürften wesentlich veränderte Marktbedingungen (Beschäftigungsformen, Einkommensverhältnisse, Konsumverhalten etc.) auf uns zukommen. Spürt ihr das?
Alfred Häring: Nein eigentlich nicht. Das Feedback, das wir erhalten, ist, dass die Menschen froh sind, dass es einen Betrieb wie das Bad Schauenburg, der familiär geführt wird, noch gibt. Der Gast merkt es deutlich, ob ein Betrieb einen aufrichtigen familiären Charakter hat oder ob es irgendein austauschbares Konzept ist, das von irgendwelchen Franchiserichtlinien geleitet wird und die Freundlichkeit ein konzeptioneller Leitlinienbestandteil ist.
Stéphanie Häring: Das Miteinander, der Zusammenhalt der Mitarbeiter als Familie ist einfach spürbar.
Alfred Häring: Das ist auch unsere Chance und damit meine ich, Schuster bleib bei Deinen Leisten, auch wenn sich die ganze Welt verändert. Wir bringen eine gute Dienstleistung und bleiben in der Qualität konstant. Wir sorgen dafür, dass unsere Gäste loslassen können.
Stéphanie Häring: Zum los lassen gehört auch, dass die Menschen wissen, dass es hier einfach läuft. Das hat damit zu tun, dass wir wissen, dass nichts schieflaufen darf. Bei Seminaren, Sitzungen etc. nehmen wir persönlich die Gäste war, wenn sie den Fuss über unsere Schwelle setzen. Von dem Moment an nehmen wir Ihnen alles ab. Wir sorgen für die Organisation, erfüllen die Wünsche und lösen die Probleme. Und das tun wir von Herzen. Eigentlich ist es einfach.
Alfred Häring: Ausserdem, wenn man an das Bad Schauenburg heranläuft ist das schon ein Alleinstellungsmerkmal. In 20 Minuten ist man von Basel aus hier, in dieser Ruhe, dieser Oase, während fünf Kilometer weiter unten der Verkehr wütet. Hier oben findet man den Frieden, den Raum, in dem man den Kopf klar bekommt um Lösungen zu finden. Das wissen auch die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger. Dass hier die wichtigsten Entscheide der Nordwestschweiz diskutiert und gefällt werden kann ich sagen, ohne indiskret zu werden. Das ist ein weiterer unserer Pluspunkte. Wir sind still und diskret, wir nehmen uns völlig zurück. Wir haben auch keine Wand mit Fotos von Prominenten. Hier ist es bedächtig und geruhsam und so soll es auch bleiben.
Zuguterletzt die obligate Frage an unsere Interviewpartner:
Der Pauli – Was Stefanie Häring dazu sagt:
Der Pauli ist für mich ein schweres Buch (lacht). Ich habe es ein bis zwei Mal pro Jahr in meinen Fingern. Jetzt mit den Umbauprojekten und konkret mit der Planung der Küchen habe ich es mehrmals zu Rate gezogen. Sei es, um etwas zu planen oder geplantes zu kontrollieren.
Der Pauli - Was Alfred Häring dazu sagt:
Der Pauli ist der grosse Leitfaden von der Basis der guten Küche. Wenn man dort drin etwas nachschaut, findet man immer das, was solid ist. Der Pauli ist eines der fundiertesten Lehrbüchern überhaupt.