Die Zukunft der Gastronomie entscheidet sich nicht auf Kongressbühnen, nicht in Rankings und schon gar nicht in PowerPoint-Präsentationen. Sie entscheidet sich im Alltag der Lehrbetriebe: zwischen Herd und Dienstplan, zwischen Verantwortung und Vorbild, dort, wo junge Menschen nicht nur Techniken lernen, sondern ein Berufsverständnis entwickeln oder eben nicht.
Marianne Hopsch gehört zu jenen Unternehmerinnen, die diesen Raum nicht als Pflichtübung begreifen, sondern als strategischen Kern gesellschaftlicher Verantwortung. Als Präsidentin des Rotary Club Zürich City und Mitinitiatorin von ROBIJ Rotarier für die berufliche Integration Jugendlicher engagiert sie sich seit Jahren für eine Frage, die in der Gastronomie gern verdrängt wird: Wer bildet künftig eigentlich noch Fachkräfte aus und unter welchen Bedingungen?
ROBIJ ist kein Sozialprojekt im klassischen Sinn. Der Verein betreut keine Jugendlichen, er verwaltet keine Fälle, er optimiert keine Lebensläufe. ROBIJ tut etwas weit Einfacheres – und zugleich Wirksameres: Er bringt Menschen zusammen. Betriebe, die Lehrlinge suchen. Und Jugendliche, die arbeiten wollen, aber kaum je die Chance erhalten, einen Betrieb überhaupt kennenzulernen.
Denn hier liegt ein systemischer Widerspruch, den Hopsch klar benennt: Auf der einen Seite klagt die Wirtschaft über fehlenden Nachwuchs, auf der anderen Seite scheitern junge Menschen mit erschwerten Startbedingungen bereits an der ersten Hürde, der Einladung. Zeugnisse, Sprachdefizite, Aufenthaltsdauer: Was als Selektionsinstrument gedacht ist, wird zum Ausschlussmechanismus.
ROBIJ setzt genau hier an. Mit sogenannten Berufserkundungstagen – praxisnahen Begegnungen im Betrieb, jenseits von Bewerbungsdossiers. Jugendliche kommen, packen an, beobachten, fragen, arbeiten. Betriebe sehen nicht Noten, sondern Menschen. Nicht Defizite, sondern Potenzial.
Was dabei immer wieder irritiert und viel über den Zustand unserer Gesellschaft aussagt: Diese Jugendlichen wollen arbeiten. Sie fragen nicht nach Teilzeitmodellen oder Work-Life-Balance, sondern nach einer Aufgabe. Nach einer Perspektive. Während wir uns daran gewöhnt haben, Ausbildung als notwendiges Durchgangsstadium zu betrachten, verstehen sie sie als Chance.
Besonders kritisch sieht Hopsch die Art, wie wir heute über Lehre sprechen. Bereits beim ersten Kontakt wird jungen Menschen eine Karriereleiter präsentiert, die vor allem eines signalisiert: Du musst hier nicht bleiben. Aufstieg wird zur impliziten Abwertung des Handwerks. Wer kocht, serviert oder baut, soll möglichst schnell etwas anderes werden.
Für viele der Jugendlichen, mit denen ROBIJ arbeitet, ist das realitätsfern und kontraproduktiv. Sie bleiben im Beruf. Sie werden Fachkräfte. Und genau das brauchen wir. Nicht mehr Optionen, sondern mehr Wertschätzung.
Entscheidend ist dabei etwas, das in keinem Kompetenzraster sauber abbildbar ist: Haltung. Ein Betrieb, der mehr ist als ein Arbeitsplatz. Ein Umfeld, in dem Menschen zählen. Viele Jugendliche entscheiden sich nicht für den Betrieb mit den besten Perspektiven, sondern für den, in dem sie sich respektiert fühlen. «Die waren nett zu mir», sagen sie. Das reicht.
Hopsch spricht offen aus, was viele wissen aber selten formuliert wird: Die klügsten Betriebe sind jene, die einladen statt aussortieren. Die weniger auf Zeugnisse schauen und mehr darauf, ob im Betrieb ein Knopf aufgeht. Denn genau dort entstehen Loyalität, Engagement und langfristig Qualität.
Warum sie sich das alles antut? Die Antwort ist schlicht. Man habe ihr geholfen, als sie jung war. Irgendwann komme der Punkt, an dem man das zurückgeben müsse. Ausbildung, so verstanden, ist kein Kostenfaktor. Sie ist eine Investition. In Menschen. In Betriebe. Und letztlich in die Zukunft einer Branche, die sich entscheiden muss, ob sie nur über Fachkräftemangel klagen oder Verantwortung übernehmen will.
