Wer heute über Fischbesatz spricht, meint oft Zahlen: Stückzahlen, Kilogramm, Besatzpläne. Kaum jemand spricht über eine naheliegende Frage: Was können diese Fische eigentlich?
Ein Fisch, der in einer Zuchtanlage aufwächst, kennt weder Strömung noch Feinddruck. Er weiss nicht, wo Nahrung herkommt, wie man Deckung nutzt oder wann man stillsteht, statt zu fliehen. Er wurde gefüttert und dann ausgesetzt. Der Rest ist Hoffnung. Genau hier setzt ein anderes Denken an. Eines, das nicht beim fertigen Fisch beginnt, sondern beim Ei.

Die Töss als Lernraum

Das Pachtrevier Töss 113 erstreckt sich über 3,7 Kilometer, vom Stauwehr nahe Rorbas bis zur Tössegg, wo die Töss in den Rhein mündet. Es ist ein sensibler, fischereilich hochwertiger Abschnitt, der ausschliesslich mit der Fliegenrute befischt werden darf (Fly only). Zum Einsatz kommen ausschliesslich künstliche Köder wie Trockenfliegen, Nassfliegen oder Nymphen.

Gefischt wird von März bis Oktober, anschliessend beginnt die Schon- und Laichzeit. Entnommen werden dürfen nur Forellen im engen Fangfenster von 30 bis 35 Zentimetern. Alles an diesem Revier ist auf Zurückhaltung, Selektion und Bestandserhalt ausgelegt.

Entsprechend zentral ist die Hege und Pflege des Forellenbestandes, ein Anliegen, das von den hiesigen Fliegenfischern aktiv getragen wird. Einmal jährlich, im Januar, werden in der Töss Laichboxen gesetzt. Eine nasse, kalte und körperlich anspruchsvolle Arbeit, die dennoch mit grossem Engagement durchgeführt wird. Nicht aus Tradition, sondern aus Überzeugung.

Herkunft statt Import

Die Forelleneier, die im Pacht-Revier 113 eingesetzt werden, unterliegen einem klar geregelten Bewirtschaftungskonzept des Kantons Zürich. Es gilt ein strenger Grundsatz: Nur Forellen lokaler oder regionaler Herkunft dürfen eingesetzt werden.

Die Eier stammen von laichreifen Forellen aus der Töss selbst oder aus nahegelegenen Gewässern. Sie werden von Hand abgestreift und anschliessend in der kantonalen Zuchtanlage in Dachsen ausgebrütet. Erst in einem genau definierten Entwicklungsstadium werden sie wieder in die Töss zurückgebracht, nicht als Jungfische, sondern als Eier in Laichboxen.

Damit bleibt nicht nur die Art erhalten, sondern auch der regionale Forellenstamm. Genetische Integrität wird hier nicht behauptet, sondern praktiziert. Der Import von Eiern oder Fischen aus weit entfernten Beständen ist ausgeschlossen.

Laichboxen: Naturverlaichung mit Struktur

Die Grundidee der Laichboxen ist ebenso einfach wie radikal: Naturverlaichung ermöglichen, statt Natur zu simulieren. Die Forellen sollen sich im Gewässer selbst vermehren ohne dauerhafte menschliche Hilfe.

Eine Laichbox ist ein kleiner, durchströmbarer Behälter aus Metall oder Kunststoff, der mit befruchteten Forelleneiern (meist im Augenpunktstadium) bestückt wird. Die Box wird direkt ins Bachbett eingegraben, sodass Wasser kontinuierlich hindurchströmen kann. Sauerstoff wird zugeführt, Stoffwechselprodukte werden abtransportiert.

Die Entwicklung der Eier erfolgt unter natürlichen Temperatur- und Strömungsbedingungen. Keine konstanten Becken, keine künstliche Beschleunigung, kein geschützter Raum. Vom ersten Moment an sind die Eier Teil des Systems, in dem sie später leben müssen.

Nach dem Schlupf verlassen die Dottersacklarven die Box selbstständig und wandern ins Kiesbett ab, dorthin, wo sie Deckung finden, lernen, Energie zu sparen und Strömung zu lesen. Lernen, Fisch zu sein.

Entwicklung misst man nicht in Tagen

Ein zentraler Punkt der Laichboxenarbeit ist das Verständnis für Zeit. In der Forellenzucht wird Entwicklung nicht primär nach Kalendertagen gemessen, sondern nach Temperatur-Zeiteinheiten, den sogenannten Grad-Tagen.

Grad-Tage (°T) = Wassertemperatur (°C) × Anzahl Tage

Beispiel:
8 °C Wassertemperatur über 10 Tage ergeben 80 Grad-Tage.

Dieses System ist notwendig, weil die embryonale Entwicklung der Forelle stark temperaturabhängig ist. Ein kalter Winter verlängert die Entwicklung, ein milder verkürzt sie ohne dass eingegriffen wird. Die Natur gibt den Takt vor.

Aufbau einer Laichbox (vereinfacht)

1. Boxkörper
– Metall oder Kunststoff
– Wasserdurchlässige Öffnungen (Schlitze oder Gitter)

2. Laichkammer
– Enthält die Eier
– Schützt vor mechanischer Belastung

3. Austrittsöffnungen
– Dottersacklarven können nach dem Schlupf selbstständig ins Kiesbett abwandern

Der entscheidende Unterschied

Der Unterschied zwischen klassischem Fischbesatz und Laichboxen liegt nicht im Aufwand, sondern im Zeitpunkt des Eingreifens. Ein ausgesetzter Jungfisch muss in Sekunden lernen, was die Natur ihm nie beigebracht hat. Eine Forelle aus der Laichbox lernt alles von Beginn an, Strömung, Deckung, Nahrung, Feinde.

Man könnte sagen:
Hier wird nicht Fisch produziert, sondern Kompetenz ermöglicht.

Die Töss zeigt damit ein System, das weniger spektakulär ist als Besatzaktionen mit Kübeln aber deutlich nachhaltiger. Nicht mehr Fisch um jeden Preis, sondern bessere Fische im richtigen System.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Hegefrage unserer Zeit.