Wenn wir bei Brodmann Cigars eine Cigarre kreieren, folgen wir gewissen Kriterien. Diese stehen jedoch nicht zwingend in einer festen Reihenfolge. Manchmal beginnt alles mit einer Idee für eine Mischung, für die wir dann das passende Format suchen. In anderen Fällen steht zuerst eine Idee für ein Format im Raum, das wir dann selber entwickeln – so etwa bei unseren Cigarren Lindenhof, Losanna oder Escalade de Genève – und wir uns dazu überlegen, welche Mischung diesem Format gerecht werden könnte.
Es kann aber ebenso gut vorkommen, dass wir beim Durchstreifen des Tabaklagers auf Blätter stossen, die uns besonders gefallen. Ausgehend von diesen Tabaken entsteht dann die Idee für eine Mischung – und daraus wiederum das passende Format. Die Entstehung einer Cigarre ist selten ein linearer Prozess. Sie gleicht eher einem Dialog zwischen Tabak, Format und Vorstellung.
Ist eine erste Mischung definiert, lassen wir Prototypen rollen. Von diesem Moment an wird es ruhig und spannend.
Die frisch gerollten Cigarren werden zunächst sofort geraucht. Das klingt vielleicht ungeduldig, ist aber sehr aufschlussreich. Eine frische Cigarre zeigt bereits, ob die Mischung grundsätzlich funktioniert: ob Kraft, Aroma und Zug zusammenpassen oder ob ein Blatt zu dominant wird.
Ein Teil dieser Prototypen wird eine Woche später noch einmal in der Karibik geraucht. Der andere Teil reist mit uns zurück in die Schweiz. Dort lagern wir die Cigarren etwa einen Monat, bevor wir sie erneut degustieren. In dieser Phase beginnt sich die Mischung zu setzen. Die Aromen verbinden sich, Schärfen verschwinden, und das Gleichgewicht wird klarer erkennbar.
Hier spielt auch das Klima eine Rolle. Der Wechsel von der karibischen Wärme und Feuchtigkeit zur gemässigteren europäischen Lagerung zeigt oft sehr deutlich, wie stabil eine Mischung tatsächlich ist bzw. wie sie sich verändert.
Apropos Klima: Nein. Nein. Und nochmals nein. Cigarren gehören nicht in den Kühlschrank.
Karibik bedeutet warm und feucht – genau die Bedingungen, unter denen Tabak wächst, fermentiert und gerollt wird. Ein Kühlschrank hingegen ist kalt und trocken. Er entzieht dem Tabak Feuchtigkeit, verändert die Struktur der Blätter und zerstört auf Dauer die Aromatik. Es ist jedes Mal wieder zum Haarölbrünzeln, wenn dieser Mythos vom «Lagern im Kühlschrank» irgendwo auftaucht.
Zurück zur Degustation.
Mit diesen drei Zeitpunkten – frisch gerollt, eine Woche später in der Karibik und nach einem Monat Lagerung in der Schweiz – erhalten wir einen aufschlussreichen Querschnitt durch die Entwicklung einer Cigarre. Man erlebt, wie sich Struktur, Balance und Aromatik verändern. Erst danach lässt sich beurteilen, ob eine Mischung tatsächlich das Potential hat, zu einer fertigen Cigarre zu werden.
Damit solche Degustationen vergleichbar bleiben, arbeiten alle, die sich ernsthaft mit Cigarren beschäftigen, mit einer Degustationsstruktur. Sie hilft, Eindrücke zu ordnen und präzise zu beschreiben: vom Zug über den Abbrand bis hin zur Entwicklung der Aromen.
Wir von Brodmann Cigars haben nachfolgend das Wichtigste zusammengestellt: Begriffe definiert und einen Ablauf entwickelt, der eine Degustation auch für unsere Lesenden nachvollziehbar und vergleichbar macht.
Raucherprotokoll
Die Vermessung der Stunde
Eine Cigarre degustiert man nicht nebenbei. Man gibt ihr Raum – und sich selbst ebenso. Idealerweise liegt die Umgebungstemperatur zwischen 18 und 22 °C, die Luft ist ruhig, frei von Zug und fremden Gerüchen. Die Cigarre selbst stammt aus einem Humidor mit stabilen 65–69 % Luftfeuchtigkeit. Zu feucht wird sie schwer, zu trocken nervös.
Bevor das Feuer sie berührt, prüft man Deckblatt, Rollung, Kaltgeruch. Dann wird sie mit Ruhe entzündet – nicht verbrannt. Die ersten Züge sind kein Urteil, sondern Annäherung. Man achtet auf Zugwiderstand, Rauchtemperatur, Textur. Die Cigarre entwickelt sich in Dritteln, verändert Spannung und Tiefe.
Degustation bedeutet Aufmerksamkeit: auf Aromatik, Balance, Entwicklung – und auf die eigene Stimmung. Eine gute Cigarre offenbart sich nicht dem Hastigen, sondern dem Wachen.
BEGRIFFSDEFINITION
DRAMATURGIE VON FEUER UND FORM
Format
Das Format (Vitola) bestimmt Länge und Ringmass – und damit Zugverhalten, Rauchvolumen, Temperatur und Aromadramaturgie. Es ist nicht nur Geometrie, sondern Regie: Ein Robusto verdichtet, eine Double Corona entfaltet. Qualität zeigt sich darin, wie Blend und Format harmonieren.
Herkunft
Die Herkunft prägt Boden, Klima, Fermentation und damit den Charakter des Tabaks. Nicaragua liefert Kraft und Würze, die Dominikanische Republik Eleganz und Balance. Herkunft ist kein Etikett, sondern Terroir – sie entscheidet, ob eine Cigarre laut spricht oder leise überzeugt.
Stärke
Stärke beschreibt die nikotinische Wirkung, nicht die Aromaintensität. Eine kräftige Cigarre kann aromatisch differenziert sein, eine milde dennoch komplex. Qualität zeigt sich in Balance: Stärke darf tragen, aber nie dominieren. Sie ist Spannung, nicht Selbstzweck.
Aromaintensität
Aromaintensität beschreibt die Dichte und Präsenz der Geschmacksnoten im Rauch. Sie ist nicht gleich Stärke: Eine Cigarre kann mild, aber aromatisch tief sein. Qualität zeigt sich in Klarheit und Definition – intensive Aromen dürfen kraftvoll sein, aber nie grob oder eindimensional.
Alter / Lagerung
Reifung verändert eine Cigarre wie Zeit einen Wein. Bei stabilen 65–69 % Luftfeuchtigkeit und ca. 18–20 °C bauen sich Spitzen ab, Aromen verschmelzen, Bitterkeit wird runder. Qualität zeigt sich darin, ob eine Cigarre durch Lagerung gewinnt – oder nur an Kraft verliert.
Deckblatt
Das Deckblatt ist Gesicht und Stimme der Cigarre. Es schützt die Einlage, reguliert den Abbrand und prägt bis zu 60 % des Aromaeindrucks. Farbe, Öligkeit und Struktur verraten Fermentation und Herkunft. Qualität zeigt sich in Elastizität, feiner Aderung und makelloser Verarbeitung.
Deckblattfarben
Claro: Sehr hell, gelblich bis hellbraun. Mild fermentiert, oft leichter Stil – kann, muss aber nicht.
Colorado Claro: Hellbraun mit leicht rötlichem Ton, ausgewogen,.
Colorado: Mittelbraun, oft mit warmem Rotstich, sehr verbreitet, ausgewogen in Aroma und Optik.
Colorado Maduro: Dunkleres Braun, mehr Fermentation, tendenziell tiefere Noten.
Maduro: Dunkelbraun bis fast schwarz. Längere Fermentation, oft süssliche, erdige Noten.
Oscuro (Double Maduro): Sehr dunkel, fast schwarz, intensiv fermentiert, kraftvoll im Auftritt.
Umblatt
Das Umblatt (Binder) hält die Einlage in Form und steuert Zug sowie Abbrand. Es ist strukturelles Rückgrat und stiller Mitspieler im Aroma. Qualität zeigt sich in Elastizität, gleichmässiger Stärke und sauberer Fermentation – unsichtbar, aber entscheidend für Balance und Konstruktion.
Einlage
Die Einlage (Filler) ist das Herz der Cigarre. Sie bestimmt Aromaprofil, Entwicklung und Stärke. Die Auswahl ganzer Blätter, ihre Herkunft und Fermentation entscheiden über Komplexität und Balance. Qualität zeigt sich in sauberer Sortierung, gleichmässiger Mischung und klarer Dramaturgie im Rauchverlauf.
Hersteller / Manufaktur
Die Manufaktur prägt Handschrift und Qualitätsstandard. Ausbildung der Torcedores (Roller), Blattselektion, Fermentation und Qualitätskontrolle entscheiden über Konstanz und Charakter. Qualität zeigt sich in Wiedererkennbarkeit: Eine gute Manufaktur liefert Identität – nicht Zufall.
Zugwiderstand
Der Zugwiderstand bestimmt, wie frei der Rauch durch die Cigarre fliesst. Zu fest: heiss und bitter. Zu locker: flach und schnell verbrannt. Ideal ist ein leichter Widerstand mit konstantem Luftstrom. Qualität zeigt sich in präziser Rollung und gleichmässiger Füllung.
Geruch kalt
Der Kaltgeruch ist der erste Eindruck vor dem Anzünden. Am Deckblatt und am Fuss zeigen sich Heu, Kakao, Leder oder Erde. Er verrät Fermentation und Lagerung. Qualität zeigt sich in Klarheit und Tiefe – nie muffig, nie stechend, sondern sauber und vielversprechend.
Rollung / Festigkeit
Die Rollung bestimmt Dichte und Gleichmässigkeit der Füllung. Zu fest gerollt hemmt sie den Zug, zu locker gefährdet sie Abbrand und Struktur. Qualität zeigt sich in homogener Spannung über die ganze Länge – elastisch, präzise und ohne weiche oder harte Zonen.
Abbrand
Der Abbrand zeigt Konstruktion und Blattqualität. Ein gleichmässiger, ruhiger Brand mit gerader Glutlinie spricht für saubere Fermentation und präzise Rollung. Schiefbrand oder Tunnel deuten auf Ungleichgewicht hin. Qualität zeigt sich im stabilen Verlauf ohne ständiges Korrigieren.
Asche
Die Asche ist das sichtbare Resultat von Fermentation und Rollung. Hellgrau bis weiss, fein strukturiert und standfest, spricht sie für reife Tabake und saubere Verbrennung. Dunkle, bröselige Asche deutet auf Unruhe im Blatt. Qualität zeigt sich in Stabilität und ruhigem Fall.
Rauchvolumen
Das Rauchvolumen beschreibt Dichte und Fülle des Rauchs. Reichlich, cremiger Rauch trägt Aromen weich und gleichmässig; zu wenig wirkt trocken, zu viel heiss und unausgewogen. Qualität zeigt sich in konstantem, kühlem Rauch mit Substanz – nicht in spektakulärer Menge.
Hitzeentwicklung
Die Hitzeentwicklung beeinflusst Aroma und Balance. Wird die Cigarre zu heiss, werden Bitterkeit und Schärfe dominant; bleibt sie kühl, entfalten sich Nuancen. Qualität zeigt sich in kontrollierter Verbrennung und ruhigem Rauchtempo – Hitze ist Folge, nicht Ziel.
Primäraromen
Primäraromen sind die unmittelbar wahrnehmbaren Grundnoten einer Cigarre – etwa Holz, Erde, Kakao oder Nuss. Sie bilden das aromatische Fundament vor Entwicklung und Wandel. Qualität zeigt sich in Klarheit und Präzision: deutlich erkennbar, sauber definiert und ohne diffuse Bitterkeit.
Textur
Textur beschreibt das Mundgefühl des Rauchs – cremig, trocken, ölig oder samtig. Sie beeinflusst, wie Aromen getragen werden und wie lange sie bleiben. Qualität zeigt sich in dichter, kühler, fein verwobener Struktur – nicht scharf, nicht kratzig, sondern ruhig und geschlossen.
Entwicklung
Entwicklung beschreibt die aromatische Veränderung im Rauchverlauf. Eine gute Cigarre bleibt nicht statisch: Aromen verschieben sich, vertiefen sich oder treten neu hervor. Qualität zeigt sich in klarer Dramaturgie – weder sprunghaft noch linear langweilig, sondern stimmig aufgebaut.
Säure
Säure ist in der Cigarre keine vordergründige Note, sondern Spannung im Hintergrund. Sie zeigt sich als Frische, Leichtigkeit oder feine Helligkeit im Rauch. Qualität bedeutet kontrollierte, integrierte Säure – belebend, nicht stechend oder metallisch.
Bitterkeit
Bitterkeit gehört zur Natur des Tabaks und verleiht Tiefe. In feiner Dosierung wirkt sie strukturbildend und elegant, erinnert an dunkle Schokolade oder Espresso. Wird sie dominant, wirkt der Rauch scharf und heiss. Qualität zeigt sich in kontrollierter, eingebundener Bitterkeit.
Süsse
Süsse entsteht durch Reifung und Fermentation des Tabaks. Sie zeigt sich als Honig-, Karamell- oder Trockenfruchtnote im Rauch – nie klebrig, sondern subtil tragend. Qualität bedeutet integrierte, natürliche Süsse, die Balance schafft und Bitterkeit elegant abfedert.
Würze
Würze beschreibt die pikante, oft pfeffrige oder erdige Spannung im Rauch. Sie verleiht Tiefe und Kontur, ohne Schärfe zu sein. Qualität zeigt sich in präziser, sauberer Würze – lebendig und stimulierend, nicht aggressiv oder brennend.
Retrohale
Retrohale bezeichnet das Ausatmen des Rauchs durch die Nase. Dabei werden feine, flüchtige Aromen intensiver wahrgenommen als im Mund. Qualität zeigt sich in Klarheit und Eleganz: komplex, aber nicht stechend oder scharf in den Nebenhöhlen.
Balance
Balance ist das Gleichgewicht von Stärke, Aromatik, Textur und Abbrand. Keine Note dominiert, nichts kippt ins Bittere oder Heisse. Qualität zeigt sich, wenn alle Elemente zusammenwirken – kraftvoll oder mild, aber stets harmonisch und kontrolliert.
Komplexität
Komplexität beschreibt die Vielfalt und Vielschichtigkeit der Aromen. Mehrere Nuancen treten nacheinander oder gleichzeitig hervor, ohne chaotisch zu wirken. Qualität zeigt sich in klarer Struktur: differenziert, aber nachvollziehbar – nicht laut, sondern tief.
Charakter
Charakter ist die unverwechselbare Handschrift einer Cigarre. Er entsteht aus Herkunft, Blend und Manufaktur – und zeigt sich in Ton, Haltung und Wiedererkennungswert. Qualität bedeutet Eigenständigkeit: nicht gefällig, nicht beliebig, sondern klar positioniert und stimmig.
Wiederrauch-Faktor
Der Wiederrauch-Faktor misst, ob eine Cigarre mehr ist als ein einmaliges Erlebnis. Bleibt sie im Gedächtnis, weckt sie Verlangen nach Wiederholung? Qualität zeigt sich in Nachhaltigkeit: Eine gute Cigarre überzeugt nicht nur im Moment, sondern ruft nach einem zweiten Abend.
Preis-Leistung
Preis-Leistung bewertet das Verhältnis von handwerklicher Qualität, Blattselektion, Komplexität und Konstanz zum geforderten Preis. Qualität zeigt sich, wenn Anspruch und Ergebnis übereinstimmen – nicht billig, sondern gerechtfertigt. Eine gute Cigarre kostet, aber sie rechtfertigt ihren Preis.
Empfehlungswert
Die Frage „Würde ich sie empfehlen?“ prüft Integrität und Überzeugung. Qualität zeigt sich, wenn man eine Cigarre mit gutem Gewissen weitergibt – passend zu Anlass, Erfahrungsgrad und Geschmack. Empfehlung ist kein Gefallen, sondern ein Urteil mit Verantwortung.
Wirkung
Was hat die Cigarre mit mir gemacht? Diese Frage misst ihre emotionale und mentale Resonanz. Hat sie beruhigt, fokussiert, inspiriert? Qualität zeigt sich, wenn sie nicht nur Aromen liefert, sondern Stimmung verändert – wenn sie mehr ist als Rauch, nämlich Moment.
Begleiter oder Ereignis
War sie stiller Begleiter oder dominantes Ereignis? Eine Begleiterin trägt Gespräch und Moment, ohne sich aufzudrängen. Ein Ereignis verlangt Aufmerksamkeit und setzt Akzente. Qualität zeigt sich, wenn die Cigarre ihre Rolle bewusst erfüllt – passend zu Anlass und Haltung.
Bereitschaft
War ich bereit für sie? Diese Frage prüft Kontext und Reife – meine wie ihre. Stärke, Stimmung, Anlass und Aufmerksamkeit müssen stimmen. Qualität zeigt sich, wenn Cigarre und Moment zusammenfinden; selbst die beste bleibt verschlossen, wenn man ihr nicht gewachsen ist.
