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Wenn Österreich verstanden hat, was die Schweiz nicht verstehen will.
Elisabeth Zehetner ist keine Köchin. Sie ist österreichische Politikerin und seit März 2025 Staatssekretärin für Energie, Start-ups und Tourismus. Auf Instagram kochte sie mit Max Stiegl «a bisserl a Butter».
Stiegl wiederum ist nicht einfach Koch. Er ist ein radikal regionaler Koch, verankert im Burgenland, mit einer Küche, die französisches Handwerk, pannonische Tradition und seine sehr eigene Handschrift verbindet. Eine Handschrift, die Innereien, ganze Tiere und auch einmal eine Bärentatze nicht als Provokation, sondern als Selbstverständlichkeit begreift.
Zehetner kocht also mit Stiegl – oder umgekehrt – Hirn mit Ei. Während er ihr ein Messer gibt und sie darauf hinweist, sie solle achtgeben, sagt sie, ja, sonst sei der Finger weg. Dann fragt Stiegl: «Wie siehst du den österreichischen Tourismus, und wie werden wir international wahrgenommen?»
Was sie dann sagt, ist Balsam auf meine Seele.
Sinngemäss sagt Zehetner: Ja, Österreich werde international wahrgenommen. Und das eigentlich Verrückte sei, dass die Gastronomie, die Kulinarik, hier eine Vorreiterrolle spiele – auch für den Tourismus. Die Leute kämen nach Österreich, weil sie gut essen wollten.
Dann die nächste Frage von Max Stiegl, während sie Lammhirn in die in Butter angezogenen Lauchzwiebeln legen: «Spielt Essen eine wichtige Rolle für dich?»
Zehetner antwortet: «Ja.» Und sie bezeichnet sich selbst als Gourmet und Gourmand.
Feinschmecker und Leckermaul? Haben Sie das von Schweizer Politikerinnen, Politikern oder Touristikern schon einmal gehört?
Nein. Sicher nicht.
In der Schweiz wird seit Jahren touristisch alles Mögliche vermarktet: Berge, Seen, Hotels, Panoramen, Bahnen, Chalets, Wellness, Destinationen, Nachhaltigkeitsfloskeln und Erlebnisprosa. Aber die Kulinarik? Die Gastronomie? Das Handwerk des Kochs? Die Restaurants, die Wirtinnen, Wirte, Köchinnen und Köche, die jeden Tag das herstellen, woran sich Gäste aus aller Welt tatsächlich erinnern?
Sie bleiben weitgehend Randnotiz.
Dabei bezahlen die Restaurationsbetriebe genau wie andere touristische Leistungsträger mit. Nur werden sie nicht annähernd gleich behandelt. Die Hotellerie wird systematisch ins Schaufenster gestellt, die Kulinarik dagegen bestenfalls dekorativ mitgeführt. Und das in einem Land, das sich mit einer der höchsten Punkte- und Sternedichten der Welt brüsten kann. Einer Schweiz also, deren Restaurants, Küchenchefs, Produkte und gastronomische Kultur längst internationale Strahlkraft besitzen.
Nur der offizielle Tourismus scheint es bis heute nicht begriffen zu haben.
Bereits 2016 habe ich Schweiz Tourismus und HotellerieSuisse öffentlich für diese Amigowirtschaft kritisiert: Vermarktet werden immer wieder die Hotels, aber kaum je die kulinarische Leistung, die mindestens ebenso touristische Anziehungskraft besitzt. Die Restaurants zahlen mit, die Kulinarik liefert Substanz, die Köchinnen und Köche schaffen Erlebnis – aber touristisch eingesammelt wird der Ruhm andernorts.
Das ist nicht nur ärgerlich. Es ist strukturpolitisch dumm.
Österreich macht vor, wie man Gastronomie als Teil der touristischen Identität begreift. Nicht als Nebengeräusch. Nicht als Beilage. Nicht als «auch noch schön». Sondern als echten Reisegrund. Als Kultur. Als Standortvorteil. Als Wertschöpfung. Als Grund, weshalb Menschen überhaupt kommen.
Und in der Schweiz? Da redet man lieber weiter über Kampagnen, Destinationsmanagement und die immergleichen touristischen Hochglanzbilder, während die Kulinarik, die tatsächlich Gäste aus der ganzen Welt anzieht, bis heute nicht entsprechend gefördert, gewichtet und vermarktet wird.
Eine Schande ist das.
Einmal mehr plädiere ich deshalb dafür, Christoph Blochers Vorschlag aufzunehmen und den politischen Tourismusbeitrag auf einen symbolischen Franken zu reduzieren. Nicht, weil Tourismus unwichtig wäre. Im Gegenteil. Sondern weil ein öffentlich mitfinanzierter Tourismus, der die gastronomische Leistung dieses Landes systematisch unterschätzt, ignoriert oder nur als Staffage benutzt, seine eigene Aufgabe nicht verstanden hat.
Wenn eine österreichische Staatssekretärin beim Kochen von Hirn mit Ei klarer sagen kann, was Kulinarik für den Tourismus bedeutet, als die Schweizer Tourismusfunktionäre in ihren Hochglanzstrategien, dann liegt das Problem nicht bei der Gastronomie.
Dann liegt es bei jenen, die sie seit Jahren übersehen.
Ich fordere deshalb auch: Schickt die verantwortlichen Politiker und Touristiker in den Nachhilfeunterricht beim «Hexer» Stefan Wiesner in seinem Entlebucher Mysterion. Was dieser Schweizer an der Rolling Pin Convention Austria 2026 in Graz, IN ÖSTERREICH am 8. und 9. Juni 2026 abgezogen hat, war keine Kochshow, sondern eine Lehrstunde. Der Mann, der mit seiner avantgardistischen Naturküche lange vor den nordischen Moosküchen-Stars beeindruckte, hat in Graz mit seinem Feuerkreis beinahe den Messecongress in Brand gesteckt. Aber am Tourismushauptsitz an der Zürcher Tödistrasse ist ihnen das offenbar so was von Wurst.

