Persönlich erschütternd war für mich folgendes Erlebnis: Ich musste feststellen, nicht mehr der Jüngste zu sein, weshalb ich bei der SVA Zürich eine Rentenvorausberechnung beantragte. Irgendwann kam dann ein Brief, in dem man mir mitteilte, ich hätte für das Jahr 1992 keinen Beitrag geleistet und damit eine Vorsorgelücke, es sei denn, ich hätte ein Markenheft. WTF ist ein Markenheft?
Ein Markenheft war ein früheres AHV-Beitragsheft in der Schweiz, in das Beitragsmarken eingeklebt wurden, um geleistete Sozialversicherungsbeiträge nachzuweisen, bevor die Erfassung elektronisch über individuelle Konten erfolgte. Universitäten, ETH und Hochschulen sorgen bis heute in der Regel dafür, dass Studierende nicht unbemerkt in Beitragslücken geraten, sei es durch Meldungen, Erfassung oder zumindest entsprechende Informationen.
1991/92 war ich an der Hotelfachschule Belvoirpark Zürich.
Hier beginnt die Geschichte etwas eigentümlich zu werden.
Wir Schüler haben ein Vermögen für diese Schule bezahlt, mussten im schuleigenen Restaurant in Pinguinuniform gratis arbeiten und waren während der Schulzeit nicht sozialversichert. Unfallversichert waren wir immerhin. Wenn einem also ein Tablett auf den Fuss fiel, war die Hotelfachschule abgesichert. Wenn einem dreissig Jahre später die Erkenntnis auf den Kopf fällt, dass im individuellen Konto plötzlich ein AHV-Jahr fehlt, dann fällt das offenbar unter erweiterte Eigenverantwortung.
Natürlich haben viele von uns, so wie ich auch, nebenher schwarz gearbeitet um zu überleben, was man damals studentische Improvisationskunst nannte. Vom Belvoirpark gab meiner Erfahrung nach nicht einmal eine Information an junge Menschen, dass man sich selber um die AHV-Beiträge kümmern muss.
Auf meine Anfrage an die Hotelfachschule Zürich, die in Ihren letzten Zuckungen liegt, erhielt ich eine Antwort. Sie war sehr freundlich. Und kurz:
«Während der Schule ist der Studierende nicht sozialversichert. Die Unfallversicherung gilt während den praktischen Einsätzen im Restaurant.»
Freundlich formuliert könnte man sagen: Das hilft nicht wirklich weiter.
Denn die eigentliche Pointe offenbart sich erst Jahrzehnte später. Nicht bei der Einschreibung, nicht im Restaurant und nicht im Praktikum. Sondern dann, wenn plötzlich ein Beitragsjahr im individuellen Konto fehlt und man erkennt, dass gewisse Lektionen einer Ausbildung offenbar erst im Rentenalter im Sinne von agile Eigenverantwortungsprozesse vollständig verstanden werden.
Wer also Belvoirpark-Absolvent ist, sollte vielleicht einmal einen Blick auf seinen AHV-Auszug werfen.
Ueli Prager, der Gründer von Mövenpick, hatte einst ein Handlungsprinzip: «Gut in kleinen Dingen.» Ein bemerkenswerter Grundsatz. Denn manchmal sind es tatsächlich die kleinen Dinge, die später grosse Wirkung entfalten. Doch klein war nie Sache der Hotelfachschule Zürich, grosse goldene Kellen, mit denen man aus dem Vollen schöpfen kann, dagegen schon. Das 23-Millionen-Nettoschuld-Grabmal spricht Bände.
