Die Schweiz hat jetzt eine neue Drohneneinheit. Das wurde in einer SRF-Tagesschau-Reportage (notabene sehr unkritisch) gross inszeniert. Ein Divisionär erklärte stolz, man sei auf gutem Weg und für die Zukunft gerüstet. Ein paar Kindergesichter unter Roger-Staub-Masken gaben Auskunft zur superstrenggeheimen Einheit: Es sei von Vorteil, Gamer zu sein. Zum Glück tragen sie im Einsatz FPV-Goggles. Ein Blick des BöFe’s (böser Feind) genügt vermutlich, und das Milchgesicht unter der Sturmhaube beginnt zu weinen. Nach rund hunderten Millionen Franken, jahrelangen Verzögerungen und unzähligen Nachbesserungen sind die sechs Spielzeuge ... äh, pardon ... Drohnen nun endlich da. Hurra. Die Schweiz ist gerettet. Während andere Armeen längst die nächste Generation beschaffen, feiert die Schweiz die Ankunft der vorletzten.
Natürlich hat das alles nichts mit Gastronomie zu tun. Aber diese Lächerlichkeit unter vielen, wie sie die Schweizer Armee derzeit reihenweise produziert, demonstriert etwas sehr gut: Das alles ist nicht mehr ernst zu nehmen. Würde ein privates Unternehmen so agieren, wäre es längst vom Markt geflogen.
Hat irgendjemand einen Schweizer Sicherheitspolitiker gehört, der sich ernsthaft öffentlich fragt, weshalb weder Russen noch Amerikaner mit ihren hochtechnologisierten Armeen Afghanistan kontrollieren konnten? Oder weshalb die USA kaum im Iran einmarschieren werden? Die Antwort ist brutal einfach: Weil dort Menschen leben, die kämpfen wollen. Bewaffnete Männer fahren auf Ladepritschen abehalfterter alter Toyota-Pick-ups durch die Gegend, ballern johlend in die Luft und kommen in solchen Massen aus ihren Löchern, dass man sie nicht einfach wegbomben kann. Wehrwille lässt sich nicht digitalisieren.
Genau dort lag einst die eigentliche Stärke der Schweiz. Nicht in ein paar Drohnen, sondern in einer bewaffneten Bevölkerung mit Widerstandswillen. Jeder Mann hatte eine Waffe zuhause. Jeder wusste im Zweifel, was zu tun ist. Das Handbuch «Der totale Widerstand» von Hans von Dach beschrieb offen, wie Bevölkerung und Armee im Fall einer Besetzung einen Guerilla- und Widerstandskrieg weiterführen könnten. Die Schweiz war in der Lage, bis zu 600’000 Soldaten innert 48 Stunden analog zu mobilisieren – mit Dienstbüchlein, Zettel und angeschlagenen Plakaten. Heute sind sowohl Ukrainer als auch Russen vermehrt mit leichten Zwei- und Fahrrändern im Angriff unterwegs, die sind billig und leicht zu beschaffen , leise, schnell und von Aufklärungs- und FPV-Drohnen schwer auszumachen und zu treffen. Die Fahrradtruppen wurden von der Schweizer Armee 2000 abgeschafft. Heute glaubt man, Sicherheit entstehe durch Verwaltungsprojekte, PowerPoint-Folien, Digitalsierung und milliardenteure Hightech-Systeme.
Im Grunde sind wir Schweizer längst zum Paradebeispiel dessen geworden, was Alexis de Tocqueville vor fast 200 Jahren in «Über die Demokratie in Amerika» beschrieb. Sein prognostizierter «sanfter Despotismus» funktioniert nicht mit Gewalt, sondern mit Bequemlichkeit. Der Bürger gibt dem Staat schrittweise Verantwortung, Geld und Selbstbestimmung ab, dafür verspricht ihm der Staat Sicherheit, Ordnung und Wohlstand. Tocqueville schrieb von einer «gewaltigen Vormundschaftsgewalt» (anm.: Der Staat), die den Menschen das Denken, Entscheiden und letztlich sogar das Leben abnimmt. Genau diesen Deal gingen moderne Demokratien ein – die Schweiz später und langsamer als viele europäische Staaten, aber dennoch.
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo dieser Deal nicht mehr funktioniert. Der Staat wird immer grösser, teurer und allgegenwärtiger, gleichzeitig erleben viele Menschen subjektiv einen Verlust von Sicherheit, Ordnung und Kontrolle. Ich nenne ein banales Beispiel: Weil ich in der Zürcher Seidengasse jemanden laut aufforderte, sich gefälligst nicht auf den Kotflügel meines Autos zu setzen, scharte er plötzlich sieben Kollegen um sich und schrie mich an: «Du Dreckschweizer in Dreckschweiz, ich machen dich tot.» Erst als er und seine Schergen merkten, dass ich über Lautsprecher mit der Polizei telefonierte, verschwanden sie wieder. Genau dort zeigt sich das eigentliche Dilemma unserer Zeit: Die Menschen wehren sich, weil sie merken, dass der Staat zwar das ganze Leben beschränkt, eben doch nicht wirklich hilft. Der Staat ist nicht da, wenn man ihn braucht, handeln und sich selber wehren darf man alleine aber auch nicht mehr. Gleichzeitig merken die Bürger auch, dass sie längst schwer abhängig geworden sind von genau diesem Staat.
Nun, der Staat besitzt heute sechs Drohnen für hunderte Millionen Franken. Was er sich aber nicht mehr zurückkaufen kann, ist der ausgerechnet und über weite Strecken von SVP-Bundesräten stück für Sück abgeschaffte Wehrwille, den die Schweiz einst über Armee, Milizsystem und Eigenverantwortung gesellschaftlich eingeimpft bekam. Viele von uns alten Säcken tragen ihn noch irgendwo in sich. Die Frage ist nur, ob der moderne Schweizer Staat ihn überhaupt noch will, den selbestverantwortlichen, engagierten und handelnden Bürger.
Dasselbe gilt wohl eben auch für den Arbeitswillen. Rudi Bindella brach es in der Debatte zur Nachhaltigkeitsinitiative in einem Blick-Interview auf einen Satz herunter, den viele sofort als Provokation verstanden: «Wenn die Leute bereit sind, länger und mehr zu arbeiten, dann brauchen wir auch weniger Ausländer einzuladen, um hier zu arbeiten.» Vielleicht steckt darin halt mehr Wahrheit, als vielen lieb ist. Denn hinter der ganzen Diskussion über Drohnen, Zuwanderung, Sicherheit und den immer grösser werdenden Staat steht letztlich dieselbe Frage: Was sind wir eigentlich noch bereit, selbst zu leisten?
Der moderne Staat kann vieles organisieren, finanzieren, regulieren und verwalten. Was er aber weder mit hunderten Millionen Franken noch mit neuen Gesetzen zurückkaufen kann, sind Arbeitswille, Eigenverantwortung und Gemeinsinn. Genau diese Eigenschaften bildeten einst das Fundament der Schweiz. Vielleicht ist die eigentliche Krise unseres Landes deshalb nicht die Frage, ob wir bald zehn Millionen Einwohner zählen, sondern ob wir noch genügend Menschen haben, die bereit sind, Verantwortung zu tragen, statt sie an den Staat zu delegieren.
Ich befürchte allerdings, dass sich der demokratische Staat früher oder später alles nimmt, was er bekommen kann. Dafür sorgen Politikerinnen und Politiker aller Couleur, die dem uralten Traum erliegen, über andere Menschen zu herrschen, ihr Leben zu regeln und immer neue Bereiche ihres Daseins zu verwalten.
Aber etwas regt sich, und das hielt auch Rudi Bindella fest, indem er die Initiative zwar ablehnt, das Problem dahinter aber anerkennt: «Die SVP hat ein Problem erkannt, das die Leute bewegt. Es gibt ein Unbehagen in der Bevölkerung. Ich finde auch, die schnelle Immigration in die Schweiz ist zum Problem geworden, die Infrastrukturen platzen aus allen Nähten. Die vorgeschlagene Massnahme ist aber nicht geeignet.»
