Ein Vergleich, der sich aufdrängt – und doch nur teilweise passt
Der Brexit ist das naheliegendste Vergleichsbeispiel für die Nachhaltigkeitsinitiative. Als sich 2016 eine knappe Mehrheit der Britinnen und Briten für den Austritt aus der EU entschied, war das nicht nur ein Votum gegen Brüssel, sondern Ausdruck eines tieferen politischen Bedürfnisses: Viele wollten die Kontrolle über Grenzen, Gesetze und Zuwanderung zurückgewinnen. Wirtschaftlich war der Preis hoch, politisch empfanden zahlreiche Befürworter den Schritt dennoch als Wiedergewinn von Souveränität. Genau darin liegt die Parallele zur Schweizer Debatte. Auch hier stellt sich nicht nur die technische Frage, ob sich Zuwanderung wirksam begrenzen lässt, sondern die politische Grundfrage, warum viele Bürgerinnen und Bürger bereit sind, für mehr Steuerung mögliche wirtschaftliche Einbussen in Kauf zu nehmen.
Die Versprechen der Brexit-Befürworter waren klar: mehr nationale Souveränität, weniger Einfluss aus Brüssel, eine eigenständigere Gesetzgebung und eine stärkere Kontrolle des Arbeitsmarkts. Ein Teil davon wurde tatsächlich eingelöst. Grossbritannien kann die Zuwanderung aus der EU heute stärker steuern und trifft regulatorische Entscheide ohne Mitwirkung Brüssels. Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Nebenwirkungen unübersehbar: zusätzliche Handelshemmnisse, mehr Bürokratie für Unternehmen, Engpässe auf dem Arbeitsmarkt und ein schwächeres Wachstum, als es innerhalb der EU wahrscheinlich gewesen wäre. Unter Ökonominnen und Ökonomen besteht weitgehend Einigkeit, dass der Brexit die britische Wirtschaft belastet hat. Dennoch halten viele Befürworter bis heute daran fest: Die zurückgewonnene politische Kontrolle war ihnen diesen Preis wert.
Die eigentliche Grundfrage: Ist Wachstum ein Preis für Wohlstand?
Genau an diesem Punkt wird die Nachhaltigkeitsinitiative zur Grundsatzentscheidung. Die Befürworter sehen im starken Bevölkerungswachstum die Ursache für Wohnungsnot, überlastete Infrastrukturen, Stau, steigende Kosten sowie den Verlust von Landschaft und Kulturland. Die Gegner halten dagegen, dass der Schweiz ohne Zuwanderung in vielen Branchen Fachkräfte fehlen würden und damit Wohlstand, Versorgungssicherheit und Stabilität unter Druck gerieten. Dahinter steht letztlich eine grundlegende Frage: Ist Bevölkerungswachstum der Preis, den ein Land für wirtschaftliche Dynamik zahlen muss, oder ist gerade die Begrenzung des Wachstums die Voraussetzung dafür, dass Wohlstand und Lebensqualität langfristig erhalten bleiben?
Historische Parallelen jenseits des Brexit
Auch jenseits des Brexit gibt es aufschlussreiche Vergleichsfälle. Die stärkste Parallele innerhalb der Schweiz ist die Masseneinwanderungsinitiative von 2014. Damals sprach sich eine knappe Mehrheit für eine stärkere Steuerung der Zuwanderung aus. Das Resultat war ein jahrelanger politischer Balanceakt mit der EU: Am Ende blieb die Personenfreizügigkeit bestehen, die Initiative wurde nur abgeschwächt umgesetzt – das Thema verschwand jedoch nie mehr von der politischen Agenda. Andere Länder zeigen die Zielkonflikte in anderer Form. Australien verfolgt seit Jahren eine restriktivere Einwanderungspolitik und gewann damit mehr staatliche Steuerungsmöglichkeiten, kämpft jedoch weiterhin mit hohen Wohnkosten und Fachkräftemangel. Japan wiederum begrenzte die Zuwanderung jahrzehntelang stark und bewahrte damit gesellschaftliche Stabilität, bezahlt dafür aber mit Überalterung, Arbeitskräftemangel und wachsendem Druck auf Wirtschaft und Sozialwerke. Alle diese Beispiele führen zum selben Punkt: Weniger Zuwanderung kann mehr Kontrolle bringen, sie löst die grundlegenden Strukturprobleme eines Landes jedoch nicht automatisch.
Was die Schweiz besonders macht
Trotz aller Parallelen ist die Schweiz nicht einfach mit Grossbritannien vergleichbar. Ende 2024 lag die ständige Wohnbevölkerung bei 9'048'900 Personen (bfs.admin.ch) und nach den offiziellen Vorgaben der Volksinitiative soll sie bis 2050 unter 10 Millionen bleiben; würde sie schon vor 2050 die Marke von 9,5 Millionen überschreiten, müssten Bundesrat und Parlament Gegenmassnahmen ergreifen. Würde die 10-Millionen-Grenze überschritten und nicht innert zwei Jahren wiede r unterschritten, müsste als Ultima Ratio auch das Abkommen mit der EU über die Personenfreizügigkeit gekündigt werden. Wegen der Guillotine-Klausel wären davon auch die übrigen Abkommen der Bilateralen I betroffen. Genau deshalb ist die Lage der Schweiz heikler als jene des Vereinigten Königreichs: Das Land ist wirtschaftlich und institutionell viel enger mit dem europäischen Binnenraum verflochten. Die Frage lautet deshalb nicht nur, ob sich Zuwanderung begrenzen lässt, sondern auch, wie hoch die politischen und wirtschaftlichen Folgekosten einer solchen Begrenzung wären.
Was bei einer Annahme geschehen könnte
Was ein Ja konkret bedeuten würde, hängt von der Umsetzung und von der Reaktion der EU ab. Die Befürworter zeichnen ein optimistisches Szenario: weniger Druck auf dem Wohnungsmarkt, entlastete Infrastrukturen, stärkere Anreize für Unternehmen, in Produktivität, Automatisierung und Ausbildung zu investieren, und möglicherweise steigende Löhne in einzelnen Branchen. Die Gegner sehen dagegen vier zentrale Risiken: erstens Unsicherheit rund um die Personenfreizügigkeit und die Bilateralen, zweitens akuten Fachkräftemangel in Sektoren wie Pflege, Gesundheit, Bau, IT, Hotellerie und Gastronomie, drittens eine sinkende Attraktivität des Standorts für internationale Investitionen und viertens zusätzlichen Druck auf ein Land, das demografisch altert und dessen Sozialwerke bereits heute unter Spannung stehen. Ökonomisch zugespitzt lautet die Frage deshalb nicht, ob die Schweiz mit weniger Zuwanderung grundsätzlich Wohlstand schaffen kann, sondern ob sie ihre heutige Wirtschaftsleistung ohne zusätzliche Produktivitätssprünge mit weniger Zuwanderung aufrechterhalten könnte.
Joseph Tainter und die Frage nach den Kosten der Komplexität
An dieser Stelle wird die Theorie des US-Antropologen Joseph Tainter besonders interessant. In seinem Werk The Collapse of Complex Societies vertritt er die These, dass Gesellschaften nicht einfach an Ressourcenknappheit scheitern, sondern daran, dass die Kosten ihrer eigenen Komplexität irgendwann schneller steigen als ihr Nutzen. Auf die Schweiz übertragen lautet die zugespitzte Frage deshalb nicht nur, ob das Land zu viele Einwohner hat, sondern ob die institutionelle und regulatorische Komplexität schneller wächst als seine Fähigkeit, Probleme effizient zu lösen. Genau diese Sorge schwingt in der Debatte um Wohnungsbau, Infrastruktur, Bewilligungsverfahren und Verwaltung immer wieder mit.
Die Zahlen zeigen zumindest, weshalb diese Perspektive Resonanz findet. Ende 2024 lag die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bei 9'048'900 Personen. Für die Bundesverwaltung werden für 2024 in öffentlich zugänglichen Quellen rund 43'500 Mitarbeitende beziehungsweise knapp 39'000 Vollzeitstellen genannt; für den Kanton Zürich weist die offizielle Personal- und Lohnstatistik rund 30'000 Anstellungsverhältnisse aus, wobei darin auch Lehrkräfte und weiteres Personal enthalten sind. Daraus lässt sich keine exakte Kennzahl darüber ableiten, wie viele zusätzliche Verwaltungsressourcen ein weiterer Einwohner tatsächlich erfordert. Sichtbar wird aber, dass die politische Spannung weniger in einer simplen Kopfzahl liegt als in der Frage, ob Bevölkerung, Regelungsdichte und institutioneller Aufwand noch im gleichen Verhältnis wachsen.
Am Ende ist die Nachhaltigkeitsinitiative deshalb weder bloss eine Migrations- noch eine Europafrage. Sie zwingt die Schweiz, über ihr künftiges Entwicklungsmodell zu entscheiden: Soll weiteres Wachstum weiterhin vor allem über zusätzliche Menschen organisiert werden, oder will das Land stärker auf Produktivität, Verdichtung, effizientere Verfahren und institutionelle Steuerungsfähigkeit setzen? Der Brexit zeigt, dass politische Kontrolle gewonnen werden kann, allerdings nicht ohne Preis. Tainter wiederum erinnert daran, dass nicht nur Wachstum, sondern auch seine Verwaltung Kosten erzeugt. Genau darin liegt der Kern dieser Abstimmung: nicht in der simplen Frage nach einer Zahl, sondern in der Entscheidung darüber, welches Verhältnis von Offenheit, Wohlstand und Belastbarkeit die Schweiz künftig tragen will.
