Ich war einmal Oberleutnant der Schweizer Armee. Ich habe in der Offiziersschule, wie alle seinerzeit, noch Ordner mit dem Titel «Feindbild Ost» gefasst. Man kann darüber heute lächeln, man kann es für gestrig halten, man kann sich moralisch darüber erheben. Aber eines war damals klar: Dieses Land nahm seine Verteidigung ernst. Und bei der gegenwärtigen Diskussion und dem elendigen Zustand unserer Armee kann ich mein Maul nicht halten. Es tut mir in der Seele weh.

Die Schweizer Armee hatte damals vieles von dem, was ein Land zur Verteidigung braucht. Nicht alles war modern, nicht alles war schön, nicht alles war effizient im betriebswirtschaftlichen Sinn. Aber es war da. Menschen, Material, Munition, Infrastruktur, Verfahren, Mobilmachung, Übung, Identität. Die Schweiz, 41’285 Quadratkilometer klein, konnte mit der «Armee 61» rund 625’000 Angehörige der Armee innert höchstens 48 Stunden mobilisieren. Analog. Mit Dienstbüchlein, Einrückungsort, Mobilmachungszettel, Plakat in der Gemeinde und einer Bevölkerung, die wusste: Wenn es ernst gilt, rückt man ein.

Das war nicht romantisch. Das war nicht Folklore. Das war ein System.

Ein Blick in die Ukraine genügt. Und ein Blick in den Nahen Osten genügt ebenfalls.

Erstens: Ein Krieg wird am Ende am Boden entschieden.
Zweitens: Wer Munition selber herstellen kann, hält länger durch.
Drittens: Keine Bombe, kein Flugzeug, keine Technologie ersetzt den politischen und militärischen Willen, einen Raum zu halten.

Formulieren wir es etwas derb: Die Russen haben in der Ukraine zu Beginn so auf die Fresse bekommen, dass allein die Zahl der verlorenen Panzer und gepanzerten Fahrzeuge zum militärhistorischen Menetekel wurde. Und heute? Heute sehen wir an der Front Motorräder, kleine Roller, Quads, Fahrräder, improvisierte Beweglichkeit. Nicht, weil das romantisch wäre. Sondern weil im Drohnenkrieg alles, was gross, laut, warm, langsam und teuer ist, zur Einladung für den Einschlag wird. Leise, klein, schnell, verteilt, schwer zu erkennen: Plötzlich sieht ausgerechnet das, was man früher als altmodisch belächelte, wieder erstaunlich modern aus.

Etwas weiter südöstlich zeigt Iran, wie rasch Hightech an Grenzen stösst, sobald aus Luftschlägen eine Bodenfrage würde. Für eine wirkliche Invasion Irans kursieren Schätzungen von mehreren hunderttausend bis über einer Million Soldaten, je nach Ziel, Dauer und Besatzungsabsicht. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen, der Iran hat die USA in den Arsch getreten. Bomben kann man werfen. Marschflugkörper kann man starten. Flugzeugträger kann man verschieben. Aber ein Land besetzen, Gelände halten, Bevölkerung kontrollieren, Nachschub sichern, Verluste tragen – das ist eine andere Liga. Das ist Bodenkrieg. Das ist Masse. Das ist Munition. Das ist Durchhaltefähigkeit.

Und genau dort liegt unser Problem.

Unsere Sicherheitspolitik der letzten 25 Jahre hat es unter dem Titel «Armee XXI» fertiggebracht, fast alles abzubauen, einzustampfen oder zu verschachern, was unser kleines Land standhaft machte. Und das war nicht einfach irgendein altes Zeug. Das war auch unsere militärische Identität.

Festungen: abgeschafft.
Festungstruppen: abgeschafft.
Artilleriestellungen: deaktiviert.
Radfahrtruppen: abgeschafft.
Munitionsproduktion: verkauft.
Mobilmachungskultur: zerlegt.
Dienstbüchlein: digitalisiert.
Armee: reduziert.
Material: ausgedünnt.
Durchhaltefähigkeit: eingeschränkt.
Kriegslogistik: nach betriebswirtschaftlichen Kriterien zurechtgestutzt.
Dieser spezielle, alte Schlag von Fach-Adjudaten, die einfach alles wussten: Entsorgt.

Abgeschafft, verkauft, reduziert, digitalisiert, optimiert. Und jetzt stehen wir da und diskutieren über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Um was genau zu kaufen? Noch mehr glänzendes Gerät? Noch mehr Systeme, die irgendwann vielleicht geliefert werden? Noch mehr Hightech, deren Ersatzteile, Munition und Software von Lieferketten abhängen, die im Ernstfall zuerst den Grossen gehören?

Die Schweiz hat Patriot-Systeme bestellt. Geliefert werden sollten sie ursprünglich ab 2026 bis 2028. Dann wurde umpriorisiert. Zuerst wegen der Ukraine. Dann werden Lieferfristen länger, Kosten unsicherer, Alternativen plötzlich wieder interessant. Das ist die strategische Lektion, die jeder Rekrut am ersten Tag verstehen würde, wenn man sie ihm nicht in Beschaffungsdeutsch wegmoderierte: Wer im Ernstfall auf fremde Prioritäten angewiesen ist, steht im Ernstfall nicht oben auf der Liste.

Die Sicherheitspolitischen Blindgäger dort oben in Bern begreifen es einfach nicht. Oder sie wollen es nicht begreifen, weil sie sich lieber im reflektierten Sonnenlicht von Kampffliegern sonnen, die gerade nicht lieferbar sind, statt die schmutzige, langweilige, unsexy Grundlage der Verteidigung ernst zu nehmen: Munition. Logistik. Redundanz. Mobilmachung. Gelände. Reparaturfähigkeit. Eigene Produktion. Bürger in Uniform. Und eine Armee, die nicht nur verwaltet, sondern kämpfen könnte, wenn sie müsste.

Eine Armee ist kein PowerPoint. Eine Armee ist kein Beschaffungsprospekt. Eine Armee ist auch kein sicherheitspolitisches Feigenblatt, das man vor Abstimmungen hervornimmt und nachher wieder im Bundesordner versorgt.

Eine Armee ist die Fähigkeit eines Landes, im dümmsten aller Fälle nicht einfach höflich zu verschwinden.

Und genau diese Fähigkeit haben wir über Jahre mit erstaunlicher Gründlichkeit abgebaut.