AUSBILDUNG | MEINUNG: Das Märchen vom Auslaufmodell: Warum der Untergang der HF Belvoirpark Zürich nichts mit dem Markt zu tun hat.
«Das Produkt Hotelfachschule scheint ein Auslaufmodell zu sein» stand in der Neuen Zürcher Zeitung zum Untergang der HF Belvoirpark Zürich. Aber nein, nicht der Markt hat versagt, sondern die, die ihn erklären. Die Hotelfachschule Zürich bzw. Belvoirpark ist nicht gescheitert, weil Hotelfachschulen überholt wären. Sie ist gescheitert, weil Führung verweigert, Kompetenz verjagt und Verantwortung zerredet wurde. Wenn institutionelles Versagen zur Marktlogik umgedeutet wird, darf das nicht so stehen gelassen werden. Das wäre bequem, falsch und fatal.
Text: Romeo Brodmann| Bild: Unsplash, eastman childs
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Eigentlich wollte ich das Thema Hotelfachschule Zürich beziehungsweise Belvoirpark per Ende 2025 ad acta legen. Wirklich. Dann lese ich in der Neuen Zürcher Zeitung das Interview mit Zita Langenstein. Bei allem Respekt, und bei allem Interessanten und Richtigen, das sie sonst sagt, ihre Antwort auf die Frage zur Hotelfachschule Zürich ist zum Haaröl brünzeln.
(Für unsere deutschen und österreichischen Leserinnen und Leser: «Haaröl brünzeln», brünzeln = pipi machen, ist ein schweizerischer Mundartausdruck. Sinngemäss bedeutet er: Es ist so irritierend, dass selbst die geschniegeltste Oberfläche kurz die Contenance verliert bis es heftig brennt.)
«Das ist ganz schmerzhaft für den Verband. Hier geht ein Stück Zeitgeschichte zu Ende. Nun stellt sich die Frage, wo die Führungskräfte künftig ausgebildet werden. GastroSuisse arbeitet an einem neuen Konzept, das berufsbegleitend und agiler durchgeführt werden kann. Das Produkt Hotelfachschule scheint ein Auslaufmodell zu sein» gab Langenstein zu Protokoll.
Wie bitte? «Das Produkt Hotelfachschule scheint ein Auslaufmodell zu sein?» Das ist gelinde gesagt empirisch dünn und historisch schief.
Ja, die Zahlen der HF-Absolvierenden im Gastgewerbe schwanken. Das tun sie seit jeher. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) bewegen sich die Lernendenzahlen im Bereich Gastgewerbe und Catering, Höhere Fachschulen über die letzten 25 Jahre erstaunlich konstant, zuletzt je nach Jahrgang zwischen rund 1’550 und 1’850 eingeschriebenen Studierenden. Wer hier ein strukturelles Wegbrechen diagnostiziert, verwechselt Marktbewegung mit Bedeutungsverlust.
Auf den zweiten Blick liegen die Zahlen sogar deutlich höher, denn eine zentrale Institution taucht in dieser HF-Statistik schlicht längst nicht mehr auf: die EHL Lausanne. Und zwar nicht, weil sie verschwunden wäre, sondern weil sie erfolgreich den Systemwechsel vollzogen hat. Die EHL ist heute keine Hotelfachschule HF mehr und auch keine Institution der höheren Berufsbildung, sondern eine akademische Hochschule mit Bachelor-, Master- und MBA-Abschlüssen, international akkreditiert und Bologna-kompatibel. Institutionell der HES-SO (Verbund von öffentlichen Fachhochschulen in der Westschweiz) zugeordnet, bewegt sie sich mit 3’500 bis 4’000 eingeschriebenen Studierendenakademisch auf universitärem Niveau, zumindest im internationalen Kontext.
Wer also behauptet, Hotelfachschulen seien ein Auslaufmodell, muss erklären, weshalb diese Schulen florieren, denn die Hotelfachschule Luzern (SHL) z. B, zählt stabil 800 bis 850 Studierende. Oder Institutionen wie das César Ritz Colleges Switzerland in Le Bouveret (VS) gegenüber von Montreux - statistisch unsichtbar, weil privat organisiert und nicht HF. Le Bouveret gehört zur Swiss Education Group (SEG) und zählt rund 350 bis 400 eingeschriebene Studierende. Das entspricht ziemlich genau der Grössenordnung der Hotelfachschule Belvoirpark zu ihren besten Zeiten.
Das Fazit ist klar:
Der Markt für Hotelfachschulen in Europa hat sich in den letzten 20 Jahren nicht aufgelöst, sondern ausdifferenziert. Immer mehr weg von nationalen, handwerksnahen Ausbildungsstätten, hin zu internationalen, akademisierten Hospitality- und Management-Programmen. Marken wie EHL, Glion oder Les Roches profitieren von Internationalisierung, englischsprachigen Ausbildungsplänen und zahlungskräftigen Auslandstudierenden.
Gleichzeitig geraten klassische HF-Schulen unter Druck: durch sinkende einheimische Nachfrage, veränderte Berufsaspirationen und massive Infrastrukturkosten. Der vielbeschworene Fachkräftemangel übersetzt sich nur begrenzt in höhere Studierendenzahlen, weil junge Menschen die Branche als arbeitsintensiv, schlecht planbar und narrativ ausgehöhlt wahrnehmen.
Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Das Scheitern der Hotelfachschule Zürich hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun, dass Hotelfachschulen ein Auslaufmodell wären.
Dieses Scheitern ist das Resultat kollektiven und individuellen Versagens auf allen Ebenen.
Den vernünftigen Vorschlag des damaligen Basler Verbandspräsidenten Josef Schüpfer, anstatt eine neue Schule am Zürcher See in Gold zu giessen sollte doch besser mit dem Neubau der Wirte-Sozialversicherung in Aarau auch gleich ein neuer Campus mit vermietbaren Studentenwohnungen aus dem Boden gestampft werden, wurde schnell und konsequent in den Boden gestampft. Warum das Sinnvoll gewesen wäre? Nun, genau damit verdient die EHL Geld, Über 800 Betten zur durchschnittlich CHF 15'600.- pro Jahr. Man Rechne. Damit wären in zwei Jahren die offenen Schulden von GastroSuisse bezahlt. Aber nein, man wollte einen auf schulden gebauten goldenen Palast am Zürisee und keinen abbezahlten eigenen Campus im Aargauer Rüebliland.
Ein grosser Vorwurf gilt auch jenen Epigonen und Autodidakten ohne Korrektiv, die den damaligen Direktor hinausbuxierten um des Hinausbuxierens willen ohne seine Marktkanäle und dergleichen zu sichern und die glaubten, mit einer Namensnennung und einem neuen Logo sei es getan.
Dies geschah notabene in einer Phase, in der tiefgreifender Wandel unausweichlich war. Nachdem Kodak vom Markt gefegt wurde, weil man weiter Filme verkaufte, obwohl alle längst Bilder machten und Nokia einging wie zu heiss gewaschen weil man Smartphones als Spielerei abtat, zeigte sich einmal mehr: Nicht Innovation tötet Unternehmen, sondern Selbstgewissheit. So ist es kein Zufall, dass es längst Studienrichtung Change Management gibt: Veränderungen, insbesondere solche, die in der Luft liegen und nur schwerlich zu fassen sind, müssen vollumfassend und vor allem kollektiv geführt werden – konsequent, kompetent und mit Rückgrat.
Es hätte diese Leute gegeben. Hochkompetent. Strategisch klar. Führungserfahren. Sie haben das Handtuch geworfen. Verkaufen heute z. B. Wein oder leiten Unternehmen.

