EVENT: Heftlimacher, Handballett und ein Urteil, das steht. Bella Italia – die besten Ristoranti der Schweiz und warum es Gault Millau & Co. braucht.
Bella Italia bei Bindella im Terrasse: Mitte Juni 2026 feierte GaultMillau und Ringier in Zürich die neue Ausgabe von «Bella Italia» – mit 300 Gästen, 50 neuen Adressen und jener herrlichen Mischung aus Pasta, Prominenz, Handballett und italienischer Gestenoper, die mehr über Gastronomie erzählt als tausend Onlinebewertungen. Denn während das Netz Erfahrung, Laune, Rache, Begeisterung, Ahnungslosigkeit und Manipulation zu einem Zahlenschnitt verrührt, stehen Gastroführer wie GaultMillau noch für etwas fast Altmodisches: Menschen gehen essen, bezahlen, vergleichen, urteilen und stehen für dieses Urteil ein. Genau deshalb sind diese Gastroführer heute nicht weniger wichtig geworden, sondern wichtiger denn je.
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Text: Romeo Brodmann | Bild: Unsplash
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War ja klar, wer bei Bella Italia der perfekten Risotto alla Carbonara zaubert: Carissimo Antonio Colaianni.
Onlineportale demokratisieren nicht die Gastronomiekritik. Sie vermischen Erfahrung, Laune, Rache, Begeisterung, Ahnungslosigkeit und Manipulation zu einem Zahlenschnitt. GaultMillau, und natürlich auch der Guide Michelin, sind dagegen ein real verantwortetes Urteil.
Der Wert dieser Gastroführer liegt heute nicht mehr nur darin, Restaurants auszuzeichnen. Ihr Wert liegt darin, dass überhaupt noch jemand professionell essen geht, bezahlt, vergleicht, urteilt und für dieses Urteil auch einsteht. In einer Zeit, in der Onlinebewertungen zwischen echter Erfahrung, digitalem Herdentrieb, gekaufter Begeisterung und beleidigter Rache schwanken, ist das fast schon ein zivilisatorischer Dienst an der Gastronomie.

Bronzestatue im Garten ist bei Bindella niemals Zufall. Es ist diese stille Genauigkeit im Detail, die aus Gastronomie mehr macht als Essen und Trinken.
Genau daran erinnerte die Lancierung von «Bella Italia» von GaultMillau und Ringier im Bindella Restaurant Terrasse in Zürich. Es war nicht einfach die Präsentation eines neuen Hefts. Es war auch ein kleines Bekenntnis zu einer Form von Gastronomiepublizistik, die in der digitalen Beschleunigung fast altmodisch wirkt und gerade deshalb wieder Wert gewinnt.
Marc Walder sagte sinngemäss, digitalisierte Medienprodukte seien schon recht, man komme darum nicht herum. Dann setzte er das grosse Aber: «Wir sind halt Heftlimacher.» Ein schöner Satz. Nicht nostalgisch, sondern selbstbewusst. Denn ein Heft ist nicht bloss bedrucktes Papier. Ein Heft ist Auswahl, Gewichtung, Reihenfolge, Dramaturgie, Redaktion, Verdichtung. Es ist ein Gegenentwurf zum endlosen Scrollen. Es sagt: Das haben wir gesehen, geprüft, geordnet und für wichtig befunden.

Mark Walder, CEO Ringier: Digital? Ja, aber, «wir sind halt Heftlimacher.»
Urs Heller, der Chef von Gault Millau Schweiz, erklärte in seiner Ansprache, warum ausgerechnet Bella Italia. Warum italienische Restaurants so prominent herausheben? Weil es dort, so Heller, oft noch die grosse Karte gebe, diese Auswahl, dieses herrliche Versprechen, sich nicht schon vor dem Besuch einem Menü unterwerfen zu müssen. Im Sternerestaurant sei man ja doch irgendwie auf das Menü beschränkt. Bei den Italienern dagegen lebt häufig noch diese andere Form von Gastlichkeit: die Karte, der Kellner, das Gespräch, die Empfehlung, der Teller Pasta, der Fisch, das Kalb, der Wein, die Entscheidung am Tisch.
Und dann sprach Heller von der alten Garde italienischer Kellner. Von dieser ganz eigenen Art. Von diesem Stolz, mit dem sie ihren Beruf ein Leben lang ausüben. Darin lag mehr Wahrheit über Gastronomie als in mancher Strategiepräsentation: Gastlichkeit ist nicht nur Küche. Sie ist Haltung, Präsenz, Sprache, Erinnerung, Stil und Berufsehre mit dem Handbalett in der italienischen Gestenoper.
Zuletzt kam der vielleicht handfesteste Grund für die Liebe zu den italienischen Restaurants. Heller sagte sinngemäss: Wenn die Rechnung nach dem hervorragenden Essen kommt, setzt keine Schnappatmung ein.
Auch das gehört zur Wahrheit. Italienische Restaurants sind in der Schweiz oft nicht billig, aber sie bewahren vielerorts eine angenehme Form von Verhältnis: zwischen Preis und Freude, zwischen Produkt und Grosszügigkeit, zwischen Anspruch und Zugänglichkeit. Sie sind nicht selten jene Orte, an denen man sehr gut essen kann, ohne sich vorher mental auf eine finanzielle Grenzerfahrung vorbereiten zu müssen.
Damit trifft Bella Italia einen Nerv. Es geht nicht nur um Pizza, Pasta und die besten Ristoranti. Es geht um eine gastronomische Kultur, die in ihrer besten Form viel mehr ist als Folklore: Sie ist grosszügig, produktnah, gastfreundlich, handwerklich, lebensnah. Sie kennt die Freude an der Karte, am Service, am Wiederkommen. Sie kennt den Kellner, der nicht performt, sondern seinen Beruf kann. Sie kennt die Küche, die nicht jeden Teller zur Kunstbehauptung aufblasen muss, um gut zu sein.
Und vielleicht war das an diesem Abend im Terrasse die eigentliche Botschaft: Ja, die Welt wird digitaler. Ja, Medienprodukte wandern auf Bildschirme. Ja, Bewertungen werden schneller, lauter, beliebiger. Aber irgendwo sitzen noch Menschen an einem Tisch, essen, trinken, beobachten, schreiben – und machen ein Heft daraus.
Gut so.
