TREND | REPORT: Futter für die Zukunft. Food- und Gastrotrends 2026 bis 2035.
Der rote Faden 2026 bis 2035 lautet: Food wird funktionaler, Gastronomie wird emotionaler, Getränke werden strategischer, Handwerk wird wieder glaubwürdiger und der Gast wird zugleich preissensibler, gesundheitsbewusster und erlebnishungriger. Die nächsten zehn Jahre werden nicht von den Restaurants gewonnen, die jedem Trend hinterherlaufen. Gewinnen werden jene, die verstehen, warum diese Trends entstehen: aus Unsicherheit, Überreizung, Gesundheitsdruck, Preisdruck, digitaler Erschöpfung und der Sehnsucht nach echten Orten, echten Produkten und echten Menschen.
Das Pauli Magazin hat drei renommierte Trend-Reports ausgewertet und eine Mindmap zum Downloaden erstellt.
WGSN Food & Drink 2026–2035 – langfristige Konsum-, Produkt- und Geschmacksprognosen. WGSN arbeitet im Bereich Food & Drink ausdrücklich mit strategischen 2- bis 10-Jahres-Forecasts und verbindet Konsumverhalten, Lifestyle-Entwicklungen und globale Trendbewegungen mit Produkt- und Innovationschancen.
Euromonitor Consumer Foodservice / Food & Nutrition – stärker datengetrieben und marktnäher: Konsumausgaben, Foodservice, Convenience, Preisentwicklung, Wellness, Restaurantbesuche, Essgewohnheiten, Ordering Habits sowie historische Daten und Forecasts zu Food & Nutrition.
af&co. / Carbonate Hospitality Trends Report – näher an der operativen Hospitality-Praxis: Restaurants, Hotels, Wineries, Food-&-Beverage-Brands, Marketing, Social Media, Beverage, Travel und Hospitality-Strategien. Der Report ist ausdrücklich als praxisnaher Trend- und Strategieausblick für die Hospitality-Branche gemacht.
Für den Download bitte nach unten Scrollen - die Mind-Map ist kostenlost, wir bitten Sie aber, unsere Arbeit zu respektieren und bei Verwendung Urheber/Quelle anzugeben. Es ist unsere eigene Darstellung auf Grundlage von WGSN, Euromonitor und af&co.
________________________________
Text: Romeo Brodmann | Bild: Unsplash
DIE ARCHITEKTUR DER SAUCE: Ein hermeneutisches Modell klassischer französischer Saucenkunst - jetzt als Poster bestellen.
Von Brot bis Butter auf LEEK.ch.
LEEK.ch: Die unabhänige Suchplattform für Gastronomie und Hotellerie von Das Pauli Magazin. Finden Sie ein Produkt oder ein Unternehmen nicht? Oder stimmt etwas nicht mehr? Es ist ein bewegter Markt. Melden Sie Veränderungen bitte via info@leek.ch.
________________________________
Die wichtigsten Erkenntnisse 2026–2035 für Gastronomie und Food
1. Gesundheit wird nicht mehr Diät sein, sondern Menülogik
Wellness verschiebt sich von «leichter essen» zu funktionalem Essen: Protein, Ballaststoffe, Darmgesundheit, Energie, Schlaf, mentale Balance, weniger Alkohol, bessere Verdauung. Euromonitor nennt für 2026 bereits wellness-focused menus als einen Haupttrend im Foodservice.
Für Restaurants heisst das: Nicht jedes Lokal muss zur Health-Food-Station werden. Aber Gäste werden immer stärker fragen: Was macht dieses Essen mit mir? Macht es müde, wach, schwer, leicht, gut gesättigt, bekömmlich? Die neue Luxusfrage lautet nicht nur: «Ist es gut?», sondern: «Tut es mir gut?»
2. Getränke werden strategischer als früher
Beverage-led concepts und personalisierte Getränke werden bei Euromonitor explizit als Foodservice-Treiber genannt. Gleichzeitig zeigen mehrere 2026er-Trendbeobachtungen eine starke Bewegung zu Low/No Alcohol, Craft Tea, Kaffeevarianten, funktionalen Drinks und individuell gebrauten Getränken. WGSN führt zum Beispiel Sample-Forecasts zu Alcohol & Low/No.
Für die Gastronomie heisst das: Die Getränkekarte wird nicht mehr Beilage zur Speisekarte sein. Sie wird eigener Umsatzträger, Identitätsfläche und Erlebnisraum. Tee, alkoholfreie Pairings, Fermente, Shrubs, Kräuterinfusionen, Digestive Drinks und hochwertige alkoholfreie Begleiter werden wichtiger. Auch ursprünglich der Speisekarte oder der Basisküche zugeordnete Produkte wechseln zur Getränkekarte: Bouillons, Brühen, Fonds, Auszüge etc.
3. «Value» wird brutaler: Preiswürdigkeit statt billig
Euromonitor weist darauf hin, dass 2025 global 24 % der Konsumenten angaben, Restaurantbesuche zu reduzieren. Das setzt den Foodservice unter Druck und zwingt Anbieter, Value, Convenience und Personalisierung neu zu denken.
Das heisst nicht: es kommen keine Gäste mehr und alles muss billig werden. Es heisst: Gäste wollen den Preis spüren, verstehen und rechtfertigen können. Ein teures Menü muss Erlebnis, Produkt, Handwerk, Service und Erinnerung liefern. Ein einfaches Gericht muss ehrlich, gut gemacht und preiswürdig sein. Die Mitte wird zum gefährlichen Minenfeld: teuer ohne Erlebnis, günstig ohne Qualität, bequem ohne Charakter.
4. Lokale Aromen werden globaler erzählt
Euromonitor nennt local flavours als wichtigen Foodservice-Trend für 2026. WGSN wiederum sucht langfristig nach «white space opportunities» für Food-&-Drink-Innovation, also nach neuen Märkten und Produktfeldern, die aus kulturellen, sozialen und geschmacklichen Veränderungen entstehen.
Für Restaurants bedeutet das: Regionalität allein reicht nicht mehr als Behauptung. Gäste wollen Herkunft mit Geschichte. Nicht einfach «lokal», sondern: Warum dieses Produkt? Warum diese Technik? Warum diese Region? Warum dieses Rezept? Die Zukunft gehört nicht der dekorativen Regionalität, sondern der erzählerisch und handwerklich glaubwürdigen Herkunft.
5. Textur wird fast so wichtig wie Geschmack
In den Food-Trend-Auswertungen für 2026 taucht Textur auffällig stark auf: crunchy, crispy, creamy, chewy, bouncy, layered. Innova nennt etwa «Layers of Delight»; andere 2026er Analysen sprechen von sensorischer Maximalisierung und Textur als eigenem Erlebnisfaktor.
Das ist für die Küche spannend: Der Gast sucht nicht nur neue Aromen, sondern physische Erfahrung. Knuspern, Brechen, Ziehen, Schmelzen, Widerstand, Saftigkeit. In einer digitalisierten Welt wird Essen als haptisches Erlebnis wichtiger. Das ist im Grunde eine grosse Chance für echte Köche.
6. Fermentation, Handwerk und «echte» Verarbeitung gewinnen
Der Gegentrend zu ultra-processed food UPF wird stärker. Euromonitor nennt die wachsende Sorge um UPF als einen wichtigen Trend bei Staple Foods Richtung 2026. Gleichzeitig gewinnen Fermentation, Sauerteig, Brühen, gereifte Produkte, alte Konservierungstechniken, Nose-to-tail, Root-to-leaf und traditionelle Küchenlogik an kulturellem Wert.
Für die Gastronomie heisst das: Das Handwerk kommt zurück aber nicht nostalgisch, sondern als Antwort auf industrielle Überverarbeitung. Wer fermentiert, reift, einlegt, trocknet, räuchert, bindet, klärt, brüht und erklärt, hat Zukunft. Nicht als Folklore, sondern als Vertrauensproduktion.
7. Personalisierung wird Alltag, aber nicht ohne Grenze
Euromonitor nennt Personalisierung und neue Loyalty-Strategien als Foodservice-Themen. In der Praxis heisst das: Gäste erwarten flexiblere Portionsgrössen, Ernährungsoptionen, digitale Vorbestellung, persönliche Angebote, Allergie-/Unverträglichkeitsklarheit und individualisierte Getränke oder Bowls.
Aber für gute Gastronomie bleibt die Grenze wichtig: Nicht jedes Restaurant darf zur Baukasten-Kantine werden. Die Kunst wird sein, Wahlmöglichkeiten zu geben, ohne kulinarische Autorität zu verlieren.
8. Hospitality wird wieder wichtiger als blosse Küche
Der af&co./Carbonate Report ist deshalb relevant, weil er nicht nur Essen betrachtet, sondern Restaurants, Hotels, Travel, Marketing und Social Media zusammendenkt. Das zeigt eine zentrale Entwicklung: Gastronomie wird wieder stärker als Gastlichkeits-, Erlebnis- und Beziehungsraum verstanden.
Das ist fast eine Gegenbewegung zur Liefer- und Plattformlogik. Wer ins Restaurant geht, will nicht nur Kalorien. Er will gesehen werden, Atmosphäre, Ritual, Service, Erinnerung, soziale Reibung, vielleicht sogar ein Stück analoge Welt.
9. Die Liefer- und Convenience-Welt bleibt, aber sie wird härter
Delivery, Take-away, Schnellformate und hybride Modelle bleiben. Aber der Markt wird reifer, teurer und schwieriger. Euromonitor beschreibt für Foodservice einen zunehmend wettbewerbsintensiven, preissensiblen Markt, in dem Fulfilment-Anbieter um Loyalität kämpfen.
Für Betriebe heisst das: Delivery ist kein Heilsversprechen mehr. Es ist ein Kanal mit Kosten, Abhängigkeiten und Markenrisiken. Erfolgreich werden jene, die klar unterscheiden: Was gehört ins Restaurant? Was funktioniert zum Mitnehmen? Was darf nie aus der Küche heraus, weil es seine Würde verliert?
10. Die Zukunft gehört nicht dem Trendgericht, sondern dem Betriebssystem
Der wichtigste Schluss aus allen Reports: Es geht 2026–2035 nicht um einzelne Hypes wie Matcha, Cabbage-Core, Swicy, Protein-Drinks oder Mini-Portionen. Diese kommen und gehen. Entscheidend ist das Betriebssystem dahinter:
Gäste wollen Gesundheit ohne Verzicht.
Erlebnis ohne Angeberei.
Preiswürdigkeit ohne Billigkeit.
Herkunft ohne Folklore.
Technologie ohne Entmenschlichung.
Handwerk ohne Museum.
Individualisierung ohne Beliebigkeit.
Gastlichkeit ohne Theaterdonner.
