Gaudium Suisse hier (Gaudium, vom lateinischen: Freude, Vergnügen, Genuss), die neue Allianz aus Gastronomie, Wein-, Bier- und Spirituosenbranche, tritt geschlossen gegen die WHO-Richtlinien zum Alkoholkonsum auf und fordert einen Marschhalt, bevor die Schweiz die WHO-Position / WHO-Leitlinie / WHO-Empfehlung hier blindlings übernimmt. Getragen von Persönlichkeiten wie Ständerat Benedikt Würth, Gastro-Suisse-Präsident Beat Imhof, Weinhändler Philipp Schwander und Lobbyist Lorenz Furrer, versteht sich Gaudium Suisse als Stimme für massvollen und selbstverantwortlichen Genuss, statt für eine pauschale Stigmatisierung. In diesem Konflikt zeigt sich bemerkenswert präzise, was Alexis de Tocqueville bereits vor rund 190 Jahren in De la Démocratie en Amérique als Gefahr beschrieb: die Tyrannei der Mehrheit, bei der gut gemeinte gesellschaftliche Strömungen dazu neigen, Minderheitenpositionen, hier die Perspektive von Genusskultur, Gastronomie und Produzenten, moralisch zu überrollen. Die WHO-Empfehlung ist genau ein solcher Fall: eine globale Norm, die mit absolutem Wahrheitsanspruch auftritt und dabei die kulturell tief verankerte Schweizer Genuss- und Gastfreundschaftstradition an den Rand drängt. Indem die Allianz auf Differenzierung, Eigenverantwortung und Mass setzt, erinnert sie daran, dass Freiheit im demokratischen Gemeinwesen gerade dort bewahrt werden muss, wo die Mehrheit glaubt, zum Wohle aller zu handeln.
Ein Punkt sei allerdings auch erwähnt: Ausgerechnet jene Branchen, die unter den neuen WHO-Richtlinien leiden werden – Brauereien, Spirituosen- und Weinhändler und auch die Bauern, haben beim Rauchverbot weitgehend geschwiegen. Als die Gastronomie Schritt für Schritt zur rauchfreien Zone umgebaut wurde, hielt man sich vornehm zurück, in der stillen Hoffnung, dass ein Verbot, das andere trifft, irgendwann an einem selbst vorübergeht. Viele glaubten nach dem Motto mit der Hand vor den Augen: Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht. Doch Verbotslogiken kennen keinen Halt. Heute werden genau diese Branchen von denselben Mechanismen eingeholt, die man damals über die Zigarren- und Raucherkultur hinwegrollen liess. Während wir Gastronomen und Cigarrenproduzenten (ich mit Das Pauli Magazin und Brodmanncigars.rocks) diesen Kampf längst hinter uns haben und verloren, beginnt er für sie gerade erst. Dass nun laut protestiert wird, ist verständlich; doch es führt uns vor Augen, dass Freiheitsfragen nie nur die anderen betreffen, und dass jedes Schweigen im entscheidenden Moment die nächste Welle der Regulierungswut nur wahrscheinlicher macht.
Wussten Sie eigentlich, dass ein Wirt in seinem eigenen Lokal nicht rauchen darf, auch wenn es nach Feierabend und er alleine ist? Es ist eine Straftat. Soweit sind wir.
Ich muss es deutlich sagen: Ich bin fast sechzig Jahre alt, und ich lasse mir von niemandem vorschreiben, wann ich mich vollaufen lasse, wie viele Zigarren ich rauche - und ich esse soviel Schweinefleisch wie es mir passt. Diese Idee, erwachsene Menschen müssten vom Staat wie unmündige Kinder geführt werden, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Wer keinen Alkohol möchte und keine Cigarre mag, soll das gerne so halten. Aber bitte: Sterbt steril und gesund, wenn es euch glücklich macht, nur hört auf, aus eurer Angst vor dem eigenen Ende heraus mein Leben bis ins letzte Detail regulieren zu wollen.
Es ist grotesk: Eine Gesellschaft, die sich einbildet, sie könne den Tod überlisten, indem sie anderen das Leben verplant. Eine Herde von Angsthasen, die sich hinter Public Health oder Gott versteckt, als wäre jeder freie Mensch ein Gesundheitsrisiko für den gesamten Planeten – was insgesamt natürlich stimmt (siehe Nachtrag). Angst wird zur Tugend erhoben, und Freiheit zum Problem erklärt. Und das Tragische daran: Am Ende begehen die Gesundheitsfanatiker Suizid aus Angst vor dem Tod, weil sie vor lauter Vorsicht vergessen zu leben. Der Tod ist garantiert. das Leben nicht.
Nachtrag:
Es ist Krieg und alle gehen hin.
Momentan sterben weltweit in bewaffneten Konflikten «nur» 100.000 bis 200.000 Menschen pro Jahr. Schätzungen des Uppsala Conflict Data Program (UCDP) und des Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) zeigen zudem, dass pro direktem Kriegstod 2 bis 3 Menschen indirekt an den Folgen leiden und/oder sterben. Zum Vergleich: Der Zweite Weltkrieg forderte 70 bis 85 Millionen Menschenleben.
Wenn wir das auf atomare Szenarien hochrechnen, wird das Bild noch drastischer: Ein begrenzter Atomkrieg zwischen zwei Staaten mit wenigen Dutzend Sprengköpfen könnte laut International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW) 10 bis 50 Millionen direkte Todesopfer verursachen. Ein globaler Atomkrieg zwischen Großmächten wie Russland/China gegen USA, Großbritannien und Frankreich würde nach heutigen Berechnungen über eine Milliarde direkte Todesopfer fordern, ganz zu schweigen von den nachfolgenden Folgen durch nuklearen Winter, Hungersnöte und Zusammenbruch von Infrastruktur.
Und während wir über das größte Schreckensszenario überhaupt reden, existieren andere, stille Risiken, die längst Realität geworden sind, wie z. B.: PFAS. Die Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, synthetische Forever Chemicals, die Umwelt und Menschen lebenslang vergiften, sind weiterhin bedingungslos zugelassen und überall vorhanden: in Textilien, Verpackungen, Antihaftbeschichtungen, Feuerlöschschaum.
Angesichts solcher globalen Bedrohungen muss ernsthaft jemand mal erklären, warum es überhaupt noch Menschen gibt, die darüber nachdenken, Alkohol oder Zigarren zu verbieten. In einer Welt, die ohnehin von Kriegen, nuklearen Risiken und chemischer Umweltvergiftung bedroht ist, wird jeder Schluck Wein, jedes Glas Bier und jede Zigarre zu einem Ausdruck von Linderung, Trost und Erträglichmachen. Wer das verbieten will, verkennt völlig, worum es im Leben wirklich geht: überhaupt zu leben.
Warum Verbote oft nur Ersatzhandlungen sind und warum sie oft mehr über die Verbieter aussagen als über die Betroffenen.
Viele Verbote entstehen nicht aus rationalen oder objektiven Gründen. Forschung aus Psychologie, Soziologie und Politikwissenschaft zeigt, dass hinter Regulierungen häufig drei Hauptmotive stehen:
Ersatzhandlungen und Angst vor Kontrollverlust
Menschen fühlen sich ohnmächtig angesichts großer Probleme, Kriege, Umweltzerstörung, globale Risiken. Um das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen, werden lokale, überschaubare Bereiche reguliert, etwa Genussmittel, sexuelle Preferenzen oder andere persönliche Gewohnheiten. Dies ist eine klassische Ersatzhandlung: Symbolische Kontrolle über das Kleine, weil man das Große nicht steuern kann.
Kontrolle um der Kontrolle willen
Manche Verbote dienen weniger dem Nutzen als der Machtdemonstration. Übermäßige Vorschriften oder Mikromanagement entstehen aus Kontrollzwang, Angst oder dem Bedürfnis nach Überlegenheit, nicht aus rationaler Notwendigkeit. Beispiel: Regulierung von Alkohol oder Zigarren, die eher symbolische Macht über Lebensstile zeigt als echte Risikoreduktion.
Neid und soziale Missgunst
Psychologisch und soziologisch belegt: Verbote entstehen oft aus Neid oder Missgunst, meist maskiert durch moralische oder gesundheitliche Argumente. Menschen reagieren auf Unterschiede in Genuss, Wohlstand oder Privilegien, indem sie Regeln einführen, um soziale Gleichheit zu erzwingen, oft auf Kosten der Freiheit anderer. Neid ist moralisch negativ, aber kausal sehr wirksam, gerade im Kontext der Verbotslogik.

