POLITIK | FRÜHJAHRSSESSION: «Wer verstehen will, wie Politik Handwerk formt, sollte auf die Schweiz und nach Bern schauen – und in die Küche.»
Die Frühjahrssession ist jene ordentliche Session des Schweizer Parlaments, in der National- und Ständerat jeweils im März während drei Wochen, 2026 vom 2. Bis am 20. März, in Bern tagen, Gesetzesvorlagen beraten, Vorstösse behandeln und damit zentrale politische Weichenstellungen für das laufende Jahr vornehmen.
Gastronomen, Gastroprofis interessieren sich erstaunlich selten offen für Politik, weil ihr Alltag sie vollständig absorbiert: Personalengpässe, Einkaufspreise, Energie, Gästebedürfnisse, Hygienevorschriften, Buchhaltung – der Betrieb ist ein permanenter Ausnahmezustand. Wer in dieser Umgebung arbeitet, führt kein Feuilletonleben, sondern ein Überlebensgeschäft. Politik wirkt dabei abstrakt und fern, obwohl sie Löhne, Arbeitszeiten, Mehrwertsteuer, Importregeln, Ausbildungssystem und Energiepreise direkt bestimmt. Paradoxerweise ist die Branche hochpolitisch betroffen, aber strukturell so operativ gebunden, dass ihr kaum Zeit und Kraft bleibt, diese Zusammenhänge strategisch zu reflektieren oder kollektiv zu vertreten.
Die Gastronomie als solche ist kein Randthema. Sie ist ein Seismograph für Regulierung, Arbeitsmarkt, Energiepreise, Berufsbildung, Migration, Landwirtschaft und Steuerpolitik. Wenn in Bern entschieden wird, ändert sich nicht nur ein Paragraf, sondern, ob ein Restaurant Personal findet, ob ein Wirt investiert, ob Lehrlinge ausgebildet werden oder ob ein Betrieb überhaupt überlebt.
Wir von Das Pauli Magazin haben für unsere Lesenden die vier Geschäfte, welche die Gastronomie und auch die Genusskultur explizit betreffen, herausgezogen und diese übersichtlich und neutral ausgelegt.
- 26.3002 Mo. SGK-N: Massnahmen gegen Gefälligkeitszeugnisse.
- Parlamentarische Initiative der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates: Indirekte Gegenentwurf zur Stopfleber-Initiative (25.404).
- Motion Rieder (25.4578): «Das freiwillige Trinkgeld ist nicht Teil des Gehalts.»
- Die Allgemeinverbindlichkeit von Gesamtarbeitsverträgen soll geändert werden (BRG 24.096).
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Text: Romeo Brodmann| Bild: Unsplash
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Bild: Unsplash, Jan Baborák | Typisch Schweiz
Warum Mann in der Gastronomie trotz allem ein Auge auf politische Entwicklungen haben sollte.
Die Gastronomie ist arbeitsintensiver als jede Industrie
Kein Roboter ersetzt Servicekultur.
Keine KI ersetzt Mise en Place.
Wenn also ein Geschäft den Arbeitsmarkt, die Zuwanderung, Sozialabgaben oder Arbeitszeiten betrifft, betrifft es direkt:
- Lohnkosten
- Rekrutierung
- Ausbildungsbereitschaft
- Wettbewerbsfähigkeit
Gerade die Schweiz mit ihrem dualen Bildungssystem ist hier ein Sonderfall – und ein Erfolgsmodell.
Regulierung trifft kleine Betriebe härter als Konzerne
Jede neue Dokumentationspflicht, jede zusätzliche Abgabe, jede energiepolitische Vorgabe wirkt in einem 40-Plätze-Restaurant anders als in einer Industriekette.
Die Gastronomie ist:
- kleinteilig
- margenarm
- personalintensiv
- stark lokal verankert
Politik entscheidet hier nicht abstrakt – sie entscheidet über Betriebsaufgaben.
Warum das auch deutsche Lesende interessieren könnte
Die Schweiz ist in vielem ein Labor:
- direkte Demokratie
- duale Berufsbildung
- föderale Struktur
- hohe Lohnkosten bei hoher Qualität
Was hier entschieden wird, zeigt oft früher als anderswo:
- wie sich Fachkräftemangel strukturell entwickelt
- wie Regulierung Innovation hemmt oder fördert
- wie Gastronomie zwischen Identität und Ökonomie navigiert
Für deutsche Leser ist das interessant, weil viele Entwicklungen zeitversetzt auch dort ankommen – nur ohne die direktdemokratische Korrekturmöglichkeit. Und natürlich auch, weil in der Schweiz meist das Volk das letzte Wort hat.
Gastronomie ist Kulturpolitik
Ein Land ohne funktionierende Gastronomie verliert:
- Treffpunkte
- Diskursräume
- Ausbildungsorte
- kulinarisches Wissen
Wer glaubt, es gehe bei diesen Geschäften nur um Technik, Finanzen oder Verwaltung, unterschätzt ihre kulturelle Tragweite.
Die Küche ist nie unpolitisch.
Sie ist das sichtbarste Ergebnis politischer Rahmenbedingungen.
«Wer verstehen will, wie Politik Handwerk formt, sollte auf die Schweiz schauen – und in die Küche.»
